Wie war Syrien vor dem Krieg? Wer regiert heute? Was bedeutet das für Geflüchtete in Deutschland?

Syrien und Damaskus

Syrien ist für mich kein abstraktes Nachrichtenland, kein bloßer Krisenbegriff aus Schlagzeilen. Ich habe dieses Land – aus der Distanz, aber kontinuierlich – seit rund zwanzig Jahren verfolgt. Nicht aus politischem Aktivismus, sondern aus ehrlichem Interesse. Syrien war für mich immer ein Beispiel dafür, dass die Welt komplizierter ist als einfache Gut-und-Böse-Erzählungen. Ein Land im Nahen Osten, das säkular organisiert war, relativ stabil funktionierte und gesellschaftlich deutlich moderner wirkte, als es viele erwartet hätten.

Ein zusätzlicher Punkt, der mein Interesse früh geweckt hat, war die Person Baschar al-Assad selbst. Ein Mann, der in der Schweiz studiert hatte, als Augenarzt ausgebildet war, westliche Lebensrealitäten kannte – und dann an der Spitze eines nahöstlichen Staates stand. Das passte nicht in die üblichen Schablonen. Umso irritierender war es für mich zu beobachten, wie schnell sich die öffentliche Wahrnehmung verengte, wie aus einem komplexen Staat innerhalb weniger Jahre ein reines Symbol für Gewalt, Flucht und moralische Vereinfachung wurde. Der Schock bestand für mich weniger darin, dass Syrien in einen Krieg geriet – die Geschichte kennt viele solche Brüche –, sondern darin, wie wenig Raum danach noch für Differenzierung blieb. Dieser Artikel ist deshalb auch ein Versuch, wieder Ordnung in ein Thema zu bringen, das medial oft nur noch als Chaos erzählt wird.

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Ist Töten würdelos? Eine nüchterne Frage zu Mord, Terror und Krieg

Ist Töten würdelos?

Wir leben in unruhigen Zeiten. Krieg, Terror, Gewalt – all das ist wieder sehr präsent. In den Nachrichten, in politischen Debatten, in Gesprächen am Rand. Entscheidungen über Krieg und Frieden werden getroffen, oft schnell, oft mit großer Entschlossenheit. Es wird argumentiert, abgewogen, gerechtfertigt. Und doch bleibt bei mir ein Unbehagen zurück.

Nicht, weil ich glaube, dass alles einfach wäre oder weil ich mir eine konfliktfreie Welt erträumen würde. Sondern weil mir auffällt, wie selten eine ganz bestimmte Frage gestellt wird. Eine Frage, die weder juristisch noch militärisch ist. Eine Frage, die nicht nach Schuld oder Recht fragt, sondern nach etwas Grundsätzlicherem. Diese Frage lautet: Was macht es mit einem Menschen, wenn er einen anderen Menschen tötet?

Dieser Artikel ist der Versuch, diese Frage ruhig und nüchtern zu stellen – ohne Anklage, ohne moralisches Pathos und ohne aktuelle Ereignisse zu instrumentalisieren.

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Mehr als Punk: Nina Hagen, Cosma Shiva und die Kunst, sich nicht vereinnahmen zu lassen

Nina und Cosma Shiva Hagen im Portrait

Wenn Du Dich einem Porträt von Nina Hagen näherst, ist die Versuchung groß, zuerst über Musik zu sprechen. Über Punk, Provokation, schrille Auftritte. Über all das, was laut ist und sichtbar. Dieses Porträt beginnt bewusst anders. Nicht bei Songs, nicht bei Stilen, nicht bei Bildern. Sondern bei etwas, das leiser ist – und tragender: Haltung.

Haltung ist kein Etikett. Sie lässt sich nicht anziehen wie ein Kostüm, nicht nachträglich aufkleben, nicht mit Marketing erklären. Haltung zeigt sich im frühen Verhalten, lange bevor jemand berühmt wird. Sie zeigt sich darin, wie jemand auf Begrenzungen reagiert, auf Widersprüche, auf Macht. Und genau dort wird Nina Hagen interessant – nicht als Ikone, sondern als Persönlichkeit.

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Iran verstehen: Alltag, Proteste und Interessen jenseits der Schlagzeilen

Iran verstehen

Kaum ein Land ruft so feste Bilder hervor wie der Iran. Noch bevor ein einzelnes Detail genannt wird, sind die Assoziationen bereits da: Mullahs, Unterdrückung, Proteste, religiöser Fanatismus, ein Staat im permanenten Konflikt mit der eigenen Bevölkerung. Diese Bilder sind so vertraut, dass sie kaum noch hinterfragt werden. Sie wirken selbstverständlich, fast wie Allgemeinwissen.

Und genau darin liegt das Problem. Denn dieses „Wissen“ stammt selten aus eigener Anschauung. Es stammt aus Schlagzeilen, aus Kommentaren, aus jahrelang wiederholten Erzählungen. Der Iran ist eines jener Länder, über die viele Menschen sehr klare Meinungen haben – obwohl sie nie dort waren, keine Sprache sprechen, keinen Alltag kennen. Das Bild ist vollständig, geschlossen, scheinbar widerspruchsfrei. Und gerade deshalb wirkt es so überzeugend. Doch was passiert, wenn ein Bild zu glatt wird?

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Nord Stream Sprengung: Sabotage, Machtpolitik und die unbequemen offenen Fragen

Nord Stream Sprengung

Wenn Menschen über Energie reden, denken viele zuerst an Strom – an Licht, an Steckdosen, an Kraftwerke. In der Realität hängt Europas Alltag jedoch an einem stilleren Fundament: an Wärme und Prozessenergie. Erdgas ist dabei über Jahrzehnte zu einer Art unsichtbarem Rückgrat geworden. Nicht, weil es besonders „schön“ wäre, sondern weil es praktisch ist: Es lässt sich gut transportieren, relativ flexibel einsetzen und in großen Mengen zuverlässig bereitstellen. Für Privathaushalte bedeutet das Heizung und warmes Wasser. Für die Industrie bedeutet es vor allem eines: planbare Produktion.

Gerade in Branchen wie Chemie, Glas, Stahl, Papier, Keramik oder Düngemittel ist Energie nicht einfach ein Kostenfaktor, den man „optimiert“. Energie ist dort ein Bestandteil des Prozesses. Fällt sie aus oder wird unzuverlässig, steht nicht nur eine Maschine still – dann steht oft ein gesamtes Werk, manchmal eine ganze Lieferkette. Das ist der Punkt, an dem „Energiepolitik“ aufhört, ein abstraktes Streitthema zu sein, und anfängt, ganz konkret über Arbeitsplätze, Preise, Verfügbarkeit und Stabilität zu entscheiden. Wer das verstanden hat, versteht auch, warum Nord Stream für Europa weit mehr war als ein Infrastrukturprojekt am Meeresboden.

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Dieter Hallervorden – Mehr als Didi: Porträt eines unbequemen Freigeists

Dieter Hallervorden und die Wühlmäuse in Berlin

Es gibt Figuren, die kleben einem Menschen ein Leben lang an den Fersen. Manche wie ein schlecht sitzender Anzug, andere wie ein alter Freund, der ungefragt immer wieder vorbeikommt. Bei Dieter Hallervorden heißt dieser Freund „Didi“. Und er klingelt nicht, er schlägt. Auf einen imaginären Gong. Palim, Palim! – und schon weiß fast jeder, wer gemeint ist.

Doch genau hier beginnt das Missverständnis. Denn wer Dieter Hallervorden auf diesen einen Moment reduziert, auf die Slapstick-Nummer, auf das stolpernde Gesicht und die überzeichnete Naivität, verpasst den eigentlichen Menschen dahinter. Der Spaßmacher war immer nur die Oberfläche. Darunter arbeitete ein Kopf, der wacher war, als ihm viele zutrauten – und ein Charakter, der sich nie gern sagen ließ, wo es langzugehen hat. Dieses Porträt ist daher kein nostalgischer Rückblick auf Fernsehunterhaltung vergangener Jahrzehnte. Es ist der Versuch, einen Künstler ernst zu nehmen, der jahrzehntelang bewusst nicht ernst genommen werden wollte – und genau deshalb so wirkungsvoll war.

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Grönland, Trump und die Frage der Zugehörigkeit: Geschichte, Recht und Realität

Grönland im Fadenkreuz: USA und Trump

Es gibt Themen, mit denen man sich nicht aktiv beschäftigt, sondern die sich irgendwann schlicht aufdrängen. Grönland gehört für viele – auch für mich – lange Zeit genau in diese Kategorie. Eine große, abgelegene Insel im hohen Norden, wenig Bevölkerung, viel Eis, viel Natur. Kein klassisches Alltagsthema, kein politischer Dauerbrenner. Das hat sich in den letzten Monaten spürbar geändert.

Durch die zunehmenden Berichte, Kommentare und Schlagzeilen rund um Grönland – und vor allem durch die wiederholten Aussagen von Donald Trump – rückt diese Insel plötzlich in den Mittelpunkt einer internationalen Debatte. Wenn ein ehemaliger und möglicherweise künftiger US-Präsident öffentlich darüber spricht, ein Gebiet „kaufen“, „übernehmen“ oder unter Kontrolle bringen zu wollen, dann weckt das zwangsläufig Aufmerksamkeit. Nicht, weil man solche Aussagen sofort ernst nehmen müsste – sondern weil sie Fragen aufwerfen, die man nicht ignorieren sollte.

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Propaganda: Geschichte, Methoden, moderne Formen und wie man sie erkennt

Was ist Propaganda?

Für viele – und so ging es mir lange selbst – war Propaganda etwas, das man aus dem Geschichtsunterricht kennt. Ein Thema, das fest verortet schien: im Dritten Reich, vielleicht noch in der DDR, also in klar abgegrenzten, autoritären Systemen. Uns wurde vermittelt, dass Propaganda dort existierte, weil diese Systeme sie brauchten – und dass sie in einer offenen, demokratischen Gesellschaft wie der Bundesrepublik Deutschland eigentlich keine Rolle spiele.

Diese Sichtweise war bequem. Und sie war lange plausibel. Denn Propaganda wurde fast immer als etwas Offensichtliches gezeigt: als Parole, als Plakat, als martialische Bildsprache. Etwas, das man erkennt, sobald man es sieht – und von dem man sich innerlich distanzieren kann. Heute wirkt diese Gewissheit brüchig. Nicht, weil sich Menschen plötzlich verändert hätten, sondern weil sich die Form der Beeinflussung verändert hat. Und genau deshalb lohnt es sich, ganz ruhig und ohne Aufgeregtheit zu klären, was Propaganda eigentlich ist – und was nicht.

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