Der Zwei-plus-Vier-Vertrag, die NATO und die Bundeswehr: Was gilt heute noch?

Wenn heute über Sicherheitspolitik, Bundeswehr und internationale Verpflichtungen gesprochen wird, geschieht das meist im Modus der Gegenwart: Zahlen, Bedrohungslagen, Bündnisfähigkeit. Selten jedoch wird gefragt, auf welchem rechtlichen Fundament all das eigentlich steht. Dabei existiert ein Vertrag, der genau dieses Fundament bildet – und der dennoch kaum noch im öffentlichen Bewusstsein verankert ist: der Zwei-plus-Vier-Vertrag.

Viele kennen ihn dem Namen nach. Wenige wissen, was genau darin geregelt wurde. Noch weniger beschäftigen sich mit der Frage, welche Bedeutung diese Vereinbarungen heute noch haben – mehr als drei Jahrzehnte nach der deutschen Wiedervereinigung, in einer Welt, die sich politisch, militärisch und gesellschaftlich grundlegend verändert hat.

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Iran verstehen: Alltag, Proteste und Interessen jenseits der Schlagzeilen

Iran verstehen

Kaum ein Land ruft so feste Bilder hervor wie der Iran. Noch bevor ein einzelnes Detail genannt wird, sind die Assoziationen bereits da: Mullahs, Unterdrückung, Proteste, religiöser Fanatismus, ein Staat im permanenten Konflikt mit der eigenen Bevölkerung. Diese Bilder sind so vertraut, dass sie kaum noch hinterfragt werden. Sie wirken selbstverständlich, fast wie Allgemeinwissen.

Und genau darin liegt das Problem. Denn dieses „Wissen“ stammt selten aus eigener Anschauung. Es stammt aus Schlagzeilen, aus Kommentaren, aus jahrelang wiederholten Erzählungen. Der Iran ist eines jener Länder, über die viele Menschen sehr klare Meinungen haben – obwohl sie nie dort waren, keine Sprache sprechen, keinen Alltag kennen. Das Bild ist vollständig, geschlossen, scheinbar widerspruchsfrei. Und gerade deshalb wirkt es so überzeugend. Doch was passiert, wenn ein Bild zu glatt wird?

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Nord Stream Sprengung: Sabotage, Machtpolitik und die unbequemen offenen Fragen

Nord Stream Sprengung

Wenn Menschen über Energie reden, denken viele zuerst an Strom – an Licht, an Steckdosen, an Kraftwerke. In der Realität hängt Europas Alltag jedoch an einem stilleren Fundament: an Wärme und Prozessenergie. Erdgas ist dabei über Jahrzehnte zu einer Art unsichtbarem Rückgrat geworden. Nicht, weil es besonders „schön“ wäre, sondern weil es praktisch ist: Es lässt sich gut transportieren, relativ flexibel einsetzen und in großen Mengen zuverlässig bereitstellen. Für Privathaushalte bedeutet das Heizung und warmes Wasser. Für die Industrie bedeutet es vor allem eines: planbare Produktion.

Gerade in Branchen wie Chemie, Glas, Stahl, Papier, Keramik oder Düngemittel ist Energie nicht einfach ein Kostenfaktor, den man „optimiert“. Energie ist dort ein Bestandteil des Prozesses. Fällt sie aus oder wird unzuverlässig, steht nicht nur eine Maschine still – dann steht oft ein gesamtes Werk, manchmal eine ganze Lieferkette. Das ist der Punkt, an dem „Energiepolitik“ aufhört, ein abstraktes Streitthema zu sein, und anfängt, ganz konkret über Arbeitsplätze, Preise, Verfügbarkeit und Stabilität zu entscheiden. Wer das verstanden hat, versteht auch, warum Nord Stream für Europa weit mehr war als ein Infrastrukturprojekt am Meeresboden.

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Taiwan verstehen: Geschichte, Statusfrage und die Risiken einer vernetzten Welt

Taiwan als Kipppunkt

Taiwan taucht seit Jahren immer wieder in den Schlagzeilen auf – mal wegen Militärmanövern in der Taiwanstraße, mal wegen diplomatischer Spannungen, mal wegen der Frage, wie verlässlich internationale Regeln im Ernstfall noch sind. In den letzten Tagen hat sich dieser Eindruck für viele Beobachter noch einmal zugespitzt: Die US-Operation in Venezuela, bei der Venezuelas Präsident Nicolás Maduro festgesetzt wurde, wird international nicht nur politisch, sondern auch völkerrechtlich kontrovers diskutiert.

Warum das für Taiwan relevant sein könnte, ist weniger eine Frage von “Wer hat recht?”, sondern eine von Wahrnehmung und Signalwirkung: Wenn große Akteure Regeln selektiv auslegen oder hart durchsetzen, fragen sich andere Mächte – nüchtern und interessengeleitet – wo ihre eigenen Spielräume beginnen und enden. Und genau an dieser Stelle wird Taiwan zu mehr als einem fernen Inselthema.

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Propaganda: Geschichte, Methoden, moderne Formen und wie man sie erkennt

Was ist Propaganda?

Für viele – und so ging es mir lange selbst – war Propaganda etwas, das man aus dem Geschichtsunterricht kennt. Ein Thema, das fest verortet schien: im Dritten Reich, vielleicht noch in der DDR, also in klar abgegrenzten, autoritären Systemen. Uns wurde vermittelt, dass Propaganda dort existierte, weil diese Systeme sie brauchten – und dass sie in einer offenen, demokratischen Gesellschaft wie der Bundesrepublik Deutschland eigentlich keine Rolle spiele.

Diese Sichtweise war bequem. Und sie war lange plausibel. Denn Propaganda wurde fast immer als etwas Offensichtliches gezeigt: als Parole, als Plakat, als martialische Bildsprache. Etwas, das man erkennt, sobald man es sieht – und von dem man sich innerlich distanzieren kann. Heute wirkt diese Gewissheit brüchig. Nicht, weil sich Menschen plötzlich verändert hätten, sondern weil sich die Form der Beeinflussung verändert hat. Und genau deshalb lohnt es sich, ganz ruhig und ohne Aufgeregtheit zu klären, was Propaganda eigentlich ist – und was nicht.

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Digitales Geld verstehen: Bitcoin, Stablecoins und CBDCs einfach erklärt

CBDCs, Kryptowährungen und Stablecoins

Es gab Zeiten, da war Geld im Alltag einfach „da“. Man verdiente es, hob es ab, bezahlte damit, überwies Rechnungen – fertig. Und genau darin lag eine stille Qualität des alten Systems: Es war so zuverlässig, dass man es kaum bemerkt hat.

Viele technische Dinge funktionieren am besten, wenn sie unsichtbar bleiben. Bargeld ist dafür ein gutes Beispiel: Es ist greifbar, leicht verständlich, und es erlaubt einen Austausch, ohne dass im Hintergrund sofort ein System mitläuft, das alles protokolliert oder auswertet. Über Jahrzehnte war das normal. Man musste kein Experte sein, um am Wirtschaftsleben teilzunehmen. Das wird sich in Zukunft ändern.

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Ulrike Guérot: Eine Europäerin zwischen Idee, Universität und öffentlichem Diskurs

Ulrike Guérot und Europa

Es gibt Menschen, deren Gedanken man nicht deshalb gerne verfolgt, weil man ihnen in allem zustimmt, sondern weil sie sich bemühen, die Dinge zu durchdringen. Ulrike Guérot gehört für mich zu diesen Stimmen. Seit einigen Jahren sehe ich mir immer wieder Vorträge von ihr an – nicht regelmäßig, nicht ritualisiert, sondern dann, wenn mir ein Thema begegnet, bei dem ich das Gefühl habe, dass es sich lohnt, genauer hinzuhören. Was dabei auffällt: Sie argumentiert ruhig, strukturiert und weitgehend unideologisch.

Das macht ihre Vorträge nicht spektakulär im medialen Sinn, aber tragfähig. Man kann ihr lange zuhören, ohne das Gefühl zu haben, dass hier ein fertiges Weltbild verkauft werden soll. Gerade in einer Zeit, in der politische Debatten häufig moralisch aufgeladen oder emotional verkürzt werden, wirkt diese Art des Sprechens fast altmodisch. Im besten Sinne.

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Spieltheorie erklärt 25 Jahre Geopolitik: Wie Europa seine strategische Rolle verlor

Spieltheorie erklärt 25 Jahre Geopolitik

Spieltheorie klingt für viele nach trockener Mathematik, nach Formeln, nach etwas, das nur in Vorlesungen oder Planspielen eine Rolle spielt. In Wahrheit ist sie jedoch ein uraltes Denkwerkzeug, das weit vor seiner akademischen Formalisierung existierte. Diplomaten nutzten es, Kommandeure nutzten es, Wirtschaftskapitäne nutzten es – lange bevor es diesen Namen überhaupt trug. Es ist am Ende nichts anderes als die nüchterne Frage:

„Wenn mehrere Akteure in einer unsicheren Lage entscheiden müssen – welche Optionen haben sie, und was folgt daraus?“

Dieses Denken ist heute erstaunlich selten geworden. Statt Alternativen zu analysieren, verengt sich vieles auf moralische Erzählungen oder spontane Deutungen. Dabei wäre gerade in geopolitischen Fragen die klare Analyse der Möglichkeiten das Fundament jeder reifen Politik. Genau dieses alte Handwerk möchte ich in diesem Artikel wieder aufgreifen.

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