Kaum ein technologischer Wandel hat sich so schnell in unseren Alltag eingeschlichen wie die künstliche Intelligenz. Was gestern noch als visionäre Zukunftstechnologie galt, ist heute bereits Realität – ob beim Texten, Programmieren, Diagnostizieren, Übersetzen oder sogar beim Erstellen von Musik, Kunst oder juristischen Schriftsätzen.
Doch mit dieser Geschwindigkeit wächst auch die Sorge: Was bedeutet das für unsere Arbeitswelt? Welche Jobs sind bedroht – und wie können wir individuell und gesellschaftlich darauf reagieren? Der Zukunfts- und Strategieforscher Prof. Dr. Pero Mićić warnt in einem aktuellen Gespräch eindringlich vor den Risiken einer unkontrollierten KI-Dynamik. Er spricht von einem möglichen Kollaps unseres bisherigen Systems aus Arbeit, Bildung und Wirtschaft – schneller, als viele denken.
Welche Jobs durch KI verschwinden könnten – ein Überblick
Künstliche Intelligenz ersetzt keine Menschen als Ganzes, sondern Teilaufgaben. Doch in der Summe kann das massive Auswirkungen auf ganze Berufsgruppen haben.
- Routinearbeiten und Sachbearbeitung
Berufe mit hohem Anteil an regelbasierten Abläufen – etwa in der Verwaltung, bei Versicherungen, Banken oder Behörden – sind besonders gefährdet. KI-Systeme können Dokumente prüfen, E-Mails beantworten, Verträge analysieren oder Anträge bearbeiten – rund um die Uhr, ohne Urlaub oder Krankheit. - Callcenter und Kundensupport
Chatbots, Voicebots und KI-gestützte Telefonsysteme werden immer besser. In vielen Fällen erkennen sie Anliegen präzise, antworten höflich und effizient – oft schneller als menschliche Mitarbeiter. Der klassische Callcenter-Agent könnte damit bald zur Ausnahme werden. - Texter, Übersetzer, Redakteure
GPT-Modelle wie ChatGPT, Claude oder Gemini zeigen bereits heute, wie schnell kreative Aufgaben automatisiert werden können. Zwar ist die Qualität noch nicht überall gleichbleibend hoch, aber sie verbessert sich rasant. Vor allem im Bereich SEO-Texte, Produktbeschreibungen, Übersetzungen oder Pressemitteilungen kann KI schon heute mithalten – oder sogar überholen. - Grafikdesigner, Fotografen, Video-Creator
Mit Tools wie Midjourney, DALL·E, Stable Diffusion oder Runway AI entstehen Bilder, Logos und Videos auf Knopfdruck. Ganze Werbekampagnen lassen sich heute innerhalb weniger Stunden automatisiert entwerfen. Stockfoto-Plattformen berichten bereits über massive Einbrüche. - Juristen und Steuerberater
KI kann Gesetze durchsuchen, Verträge analysieren, Risiken erkennen oder steuerrechtliche Fragen beantworten. Auch wenn menschliche Expertise weiterhin nötig bleibt – viele standardisierte Vorgänge lassen sich bereits automatisieren. - Lehrer, Tutoren, Coaches
Digitale Lernsysteme mit KI bieten personalisierte Inhalte, analysieren Schwächen, passen sich dem Lerntempo an – und könnten so mittelfristig klassische Nachhilfe oder sogar Teile des Unterrichts ersetzen. - Programmierer und IT-Fachkräfte
Auch hier wird nicht der Mensch als Ganzes ersetzt, wohl aber viele Codierungsaufgaben. KI schreibt heute schon stabilen Code, erkennt Bugs oder optimiert bestehende Programme. Besonders Junior-Positionen könnten massiv unter Druck geraten.
Studien aus OECD-Fallbeispielen: Realer Einfluss von KI in Unternehmen
Eine wichtige Quelle sind die Fallstudien der OECD, die bereits zeigen, wie KI-Technologien konkret in Unternehmen eingesetzt werden und welche Effekte sich daraus ergeben. In rund 100 Fallstudien aus dem Fertigungs- und Finanzsektor in acht OECD-Ländern wurden unterschiedliche Implementierungsstrategien, Widerstände und Effekte auf Arbeitsprozesse analysiert. Dabei zeigte sich, dass KI vor allem Teilaufgaben übernimmt, Prozesse beschleunigt und die Nutzung von Wissensdatenbanken erhöht – nicht zwingend ganze Stellen streicht, sondern Arbeit neu strukturiert. Gleichzeitig weisen die Studien darauf hin, dass Beschäftigte, die aktiv in die KI-Einführung eingebunden und geschult wurden, besser mit dem Wandel klarkamen.
Makroprognosen: Wie viele Jobs sind langfristig gefährdet?
Wenn man über Einzelstudien hinausblickt, ergeben sich in makroökonomischen Projektionen und Statistiken alarmierende Zahlen – aber auch differenzierte Einschätzungen. So schätzt eine Zusammenfassung diverser Analysen, dass etwa 30 % der aktuellen US-Jobs bis 2030 automatisierbar sein könnten, während 60 % der Jobs zumindest teilweise durch KI verändert werden.
Die OECD wiederum nennt in einer ihrer Bewertungen, dass im Durchschnitt etwa 27 % der Jobs in den OECD-Ländern einem hohen Automatisierungsrisiko ausgesetzt sind. Allerdings betont die OECD auch, dass das Risiko nicht gleichbedeutend ist mit notwendiger Reduktion – denn viele Arbeitsplätze bestehen aus einem Mix aus Routine- und Nicht-Routine-Anteilen.
Warum das so gefährlich ist: Macht, Kontrolle und Geschwindigkeit
Prof. Mićić weist zu Recht darauf hin: Der technologische Wandel verläuft exponentiell, unsere gesellschaftlichen Systeme hingegen linear. Bildung, Politik und Arbeitsmärkte sind nicht darauf ausgelegt, so schnell zu reagieren. Die Gefahr eines Kontrollverlusts ist real.
- Machtkonzentration: Nur wenige große Konzerne kontrollieren die dominanten KI-Modelle. Diese Unternehmen verfügen über fast unbegrenzte Rechenleistung, Daten und Kapital. Wer Zugriff auf diese Systeme hat, kann Märkte diktieren, Preise bestimmen und neue Standards setzen – ohne demokratische Kontrolle.
- Soziale Ungleichheit: Menschen mit niedrigem Bildungsstand oder ohne digitale Kompetenzen verlieren am schnellsten den Anschluss. Wer hingegen früh lernt, mit KI zu arbeiten, profitiert überproportional. Es droht eine neue Spaltung der Gesellschaft – nicht nur zwischen Arm und Reich, sondern zwischen digital befähigt und digital abgehängt.
- Vertrauensverlust: Wenn niemand mehr genau weiß, ob ein Text, ein Bild, ein Video oder ein Urteil von einem Menschen stammt oder von einer KI – wie bewerten wir dann noch Wahrheit, Autorität, Expertise?
Wenn Arbeit verschwindet – was kommt dann?
Wenn künstliche Intelligenz in rasantem Tempo ganze Berufsbilder verändert oder obsolet macht, stellen sich fundamentale Fragen: Was bedeutet das für Millionen von Arbeitnehmern? Für Rentensysteme? Für gesellschaftlichen Zusammenhalt?
Politik, Wirtschaft und Wissenschaft suchen weltweit nach Antworten – doch bisher gibt es keine einheitliche Lösung, sondern eine Vielzahl konkurrierender Konzepte. Die große Herausforderung: Die Veränderungen kommen schneller, als die Systeme reagieren können. In diesem Artikel werfen wir einen Blick auf die wichtigsten Modelle, die aktuell diskutiert werden – und was sie leisten können (oder auch nicht).
1. Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE): Freiheit durch finanzielle Basis?
Das bedingungslose Grundeinkommen ist wohl das bekannteste und am kontroversesten diskutierte Modell. Es beschreibt eine staatliche Zahlung an alle Bürger – unabhängig von Bedürftigkeit, Erwerbsstatus oder Vermögen. Einfach gesagt: Jeder erhält einen monatlichen Geldbetrag – ohne Gegenleistung.
Vorteile:
- Sicherheit in Zeiten des Umbruchs
- Vereinfachung von Bürokratie (keine Bedürftigkeitsprüfung)
- Förderung von Eigenverantwortung und Kreativität
- Ermöglicht Pflege, Ehrenamt, Weiterbildung oder Unternehmensgründung ohne Existenzdruck
Nachteile / Kritik:
- Hohe Staatsausgaben (Finanzierung unklar)
- Gefahr der Entkopplung von Leistung und Einkommen
- Mögliche Inflation bei unsauberer Umsetzung
- Psychologische Frage: Was macht es mit einer Gesellschaft, wenn Arbeit nicht mehr notwendig ist?
Unterschiedliche Ausprägungen:
- Elon Musk und Tech-Vordenker befürworten oft ein relativ hohes Grundeinkommen (z. B. 1.500–2.000 $), um den Wegfall vieler Tech-Jobs abzufedern.
- In Europa wird oft ein moderateres Modell diskutiert – eher als Existenzminimum.
- In Deutschland gab es erste Pilotprojekte mit 1.200 € monatlich – auf Zeit und mit wissenschaftlicher Begleitung.
2. Grundsicherung 2.0: Bedürftigkeitsgeprüft, aber entbürokratisiert
Ein weniger radikaler Ansatz ist die Weiterentwicklung der heutigen Sozialhilfe-Systeme. Ziel: Mehr Würde, weniger Schikane, schnellere Hilfe, klarere Anreize zur Eigenständigkeit. Die Idee ist, moderne Sozialleistungen:
- digital zu gestalten,
- unbürokratisch abrufbar zu machen,
- bei gleichzeitiger Förderung von Bildung, Umschulung und Unternehmertum.
Dieses Modell wäre billiger als ein BGE, würde aber nicht alle erreichen – vor allem jene nicht, die knapp oberhalb der Bedürftigkeitsgrenze leben.
3. Negative Einkommensteuer: Steuererleichterung von unten nach oben
Ein Konzept, das u. a. der Ökonom Milton Friedman ins Spiel brachte, ist die sogenannte negative Einkommensteuer. Vereinfacht gesagt: Wer unter einem bestimmten Einkommen liegt, bekommt Geld vom Staat, statt Steuern zu zahlen. Ab einem Schwellenwert sinkt diese Unterstützung allmählich – ohne harte Abbruchkanten wie beim heutigen Hartz-IV- oder Bürgergeld-System.
Vorteile:
- Geringere Stigmatisierung
- Klare Rechenlogik
- Kombinierbar mit Teilzeit, Mini-Job oder selbstständiger Tätigkeit
- Weniger Verwaltungsaufwand als heutige Sozialhilfe
Nachteile:
- Weniger bekannt in der Bevölkerung
- Politisch schwer zu erklären
- Setzt Vertrauen in funktionierende Finanzverwaltung voraus
4. Arbeit neu denken: Förderung von Unternehmertum und Mikroprojekten
Während viele Modelle vom Staat ausgehen, setzen andere Konzepte an der Selbstverantwortung des Einzelnen an. Wer durch KI seinen bisherigen Job verliert, könnte neue Wege finden – als Solopreneur, Kleinstunternehmer, Coach, Künstler, Berater oder durch Projektarbeit in neuen digitalen Märkten.
Dazu braucht es:
- Gründerförderung, die wirklich bei kleinen Ideen ansetzt – nicht nur bei Start-ups mit VC-Fantasien
- Zugang zu Bildung, Werkzeugen, Märkten
- Kulturelle Veränderung: Unternehmertum muss wieder als normal, ehrenwert und gesellschaftlich relevant wahrgenommen werden
Denn: Nicht jeder kann oder will ein klassischer Unternehmer sein – aber fast jeder hat eine Fähigkeit, die sich in irgendeiner Form produktiv machen lässt. Vor allem in einer Welt, in der Plattformen und KI vieles vereinfachen.
5. Bildung, Bildung, Bildung – aber anders
Langfristig ist der Wandel nicht ohne eine radikale Bildungsreform zu bewältigen. Klassische Schulen bereiten oft nicht auf eine Welt vor, in der Menschen mit KI-Systemen kollaborieren, sich ständig neu erfinden und kritisch denken müssen.
Notwendig wären:
- Lebenslange Bildungsmodelle
- KI-gestützte, individualisierte Lernsysteme
- Fokus auf Meta-Kompetenzen: Problemlösung, Kreativität, Ethik, Selbstführung
- Praktische Fähigkeiten: Selbstvermarktung, digitale Werkzeuge, finanzielle Intelligenz
Kurz gesagt: Weniger Schulstoff, mehr Lebensfähigkeit.

Was jetzt wichtig ist: Strategien für Unternehmen und Einzelne
Statt in Angststarre zu verfallen, gilt es, proaktiv zu handeln. Die Frage ist nicht mehr, ob KI kommt, sondern wie wir damit umgehen.
1. Für Unternehmen: Automatisieren, aber mit Augenmaß
- Analyse der eigenen Prozesse: Welche Tätigkeiten sind repetitive Routinen? Welche Entscheidungen brauchen weiterhin menschliches Fingerspitzengefühl?
- Schulung der Mitarbeiter: Nicht alle werden durch KI ersetzt – aber fast alle werden mit KI arbeiten müssen. Wer seine Mitarbeiter frühzeitig schult, sichert sich einen Vorsprung.
- Daten lokal halten, möglichst keine Cloudsysteme geschäftlich nutzen (DSGVO)
- Lokale KI-Systeme wie z.B. Mistral oder LLaMA nutzen, beispielsweise mit Ollama oder MLX auf einem Silicon-Mac
- Neue Geschäftsmodelle: KI eröffnet auch neue Märkte – von datenbasierten Services bis zu KI-optimierten Produkten. Der Wandel bietet Chancen für clevere Nischenanbieter.
2. Für Einzelne: Von Konsumenten zu Ko-Kreatoren werden
- Digitale Bildung als Lebensaufgabe: Der Umgang mit KI sollte zur Grundkompetenz werden – wie Lesen und Schreiben.
- Eigene Stärken bewusst machen: Kreativität, Empathie, Ethik, Strategie – diese Fähigkeiten sind (noch) nicht ersetzbar.
- Resilienz entwickeln: Wer sich flexibel auf neue Technologien einstellt und nicht an alten Sicherheiten festhält, bleibt relevant – auch in einer KI-dominierten Welt.
Warum ich dieses Thema auch in meinem Buch behandle

In meinem Buch „Krisen als Wendepunkte – lernen, wachsen, gestalten“ gehe ich genau auf solche Fragen ein:
Wie können wir mit Umbrüchen souverän umgehen? Welche Strategien helfen, nicht in Angst oder Resignation zu verfallen? Und wie gelingt es, aus einer Krise eine neue Lebensvision zu formen?
Gerade die KI-Entwicklung ist ein Paradebeispiel dafür, wie technologische Umwälzungen zur persönlichen Chance werden können – wenn man bereit ist, umzudenken.
Wer sein Leben nicht mehr nach alten Regeln organisiert, sondern als dynamisches Projekt, hat gute Chancen, nicht nur durchzukommen – sondern daran zu wachsen.
Die nächste Stufe beginnt – und wir entscheiden, wie wir sie gestalten
Künstliche Intelligenz ist weder Heilsbringer noch Teufelswerk. Sie ist ein Werkzeug – gewaltig, effizient, neutral. Es liegt an uns, wie wir es einsetzen. Klar ist: Unser Bildungssystem, unsere Wirtschaftsstrukturen und unsere persönlichen Denkgewohnheiten müssen sich ändern – schneller als je zuvor.
Keine einzelne Maßnahme wird reichen. Die Herausforderungen durch KI sind zu vielschichtig. Wahrscheinlich wird es eine Mischung aus mehreren Konzepten brauchen – je nach Land, Gesellschaftsstruktur und politischem Klima.
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Technologie lässt sich nicht aufhalten – aber sie lässt sich gestalten.
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Systeme müssen sich anpassen – aber auch Menschen.
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Resilienz entsteht dort, wo Angst durch Handlung ersetzt wird.
Wer sich frühzeitig vorbereitet, seine Denkweise schärft und strategisch handelt, kann nicht nur überleben, sondern gestalten. Es braucht keine Panik – aber sehr wohl Entschlossenheit, Weitblick und Mut zur Veränderung.
Häufig gestellte Fragen zur Zukunft der Arbeit in Zeiten Künstlicher Intelligenz
- Welche Berufsgruppen sind durch künstliche Intelligenz am stärksten gefährdet?
Die größten Risiken bestehen aktuell für Berufe mit einem hohen Anteil an standardisierten, wiederholbaren Aufgaben, wie z. B. in der Verwaltung, im Kundensupport, in der Texterstellung, Buchhaltung, Übersetzung, IT-Entwicklung oder Grafikdesign. Auch juristische oder medizinische Assistenzarbeiten können bereits heute teilweise von KI übernommen werden. Entscheidend ist nicht der Berufstitel, sondern der Aufgabenmix: Je mehr Routine, desto höher das Risiko. - Werden wirklich Millionen von Arbeitsplätzen durch KI verschwinden?
Verschwinden werden nicht zwingend alle Arbeitsplätze, aber viele Teilaufgaben. Das bedeutet: Ein Mensch wird durch KI vielleicht nicht ersetzt – wohl aber ein ganzes Team durch eine einzelne, KI-gestützte Fachkraft. McKinsey, PwC und andere Beratungen gehen davon aus, dass weltweit hunderttausende Stellen pro Branche betroffen sein könnten – besonders im Dienstleistungsbereich, bei Verwaltungstätigkeiten und einfachen IT-Jobs. - Welche Jobs gelten als „zukunftssicher“ trotz KI?
Berufe mit starkem menschlichen Bezug, kreativer Problemlösung oder strategischem Denken sind weniger gefährdet – etwa in den Bereichen Coaching, Beratung, Pflege, Handwerk, Bildung, strategisches Management, Design-Thinking, Moderation, Mediation. Auch hochspezialisierte Fachkräfte, die mit KI arbeiten (statt von ihr ersetzt zu werden), gelten als zukunftssicher – z. B. Prompt-Engineers, KI-Trainer, Systemarchitekten oder Ethikbeauftragte für KI-Systeme. - Ist das bedingungslose Grundeinkommen eine realistische Lösung?
Das kommt auf das Land, die Gesellschaftsform und die Finanzierung an. Ein flächendeckendes, dauerhaftes Grundeinkommen erfordert enorme staatliche Mittel und eine tiefgreifende Systemumstellung. Pilotprojekte zeigen positive Effekte auf psychische Gesundheit, Bildungsbeteiligung und Innovationskraft – aber auch offene Fragen bei der Finanzierung. Es ist kein Allheilmittel, könnte aber ein wichtiger Baustein in einer KI-gestützten Wirtschaft sein. - Was ist der Unterschied zwischen BGE und negativer Einkommensteuer?
Beim bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) bekommt jeder denselben Betrag – unabhängig von Einkommen oder Bedarf.
Bei der negativen Einkommensteuer erhalten nur Menschen unterhalb einer Einkommensgrenze staatliche Zuschüsse. Je mehr jemand verdient, desto geringer der Zuschuss – bis er entfällt oder in normale Steuerpflicht übergeht. Das Konzept gilt als gerechter und effizienter, ist aber weniger intuitiv verständlich. - Warum plädieren manche Experten wie Elon Musk für ein hohes BGE?
Elon Musk und andere Tech-Vordenker gehen davon aus, dass massive Automatisierung viele Jobs vollständig überflüssig machen wird. Ein hohes Grundeinkommen (z. B. 2.000 € oder mehr) soll verhindern, dass Menschen in finanzielle Notlagen geraten, wenn ihre Fähigkeiten plötzlich am Arbeitsmarkt nicht mehr gebraucht werden. Gleichzeitig soll es neue Freiheiten schaffen, sich kreativ, sozial oder unternehmerisch zu entfalten. - Wie wahrscheinlich ist es, dass KI auch kreative Berufe ersetzt?
Teilweise passiert das bereits: KI-Tools erstellen Texte, Bilder, Videos, Musik – oft in erstaunlicher Qualität. Doch echte Kreativität besteht nicht nur aus Output, sondern aus Kontext, Intuition, Erfahrung und Wirkung. KI kann kreative Prozesse unterstützen oder beschleunigen, aber nicht ersetzen, was Menschen einzigartig macht: den schöpferischen Willen und das Denken außerhalb aller Regeln. - Welche Rolle spielt Bildung im Umgang mit KI-Veränderungen?
Eine entscheidende. Doch es reicht nicht, das bestehende Schulsystem zu „digitalisieren“. Notwendig ist ein Paradigmenwechsel: Weg vom reinen Auswendiglernen – hin zu Kreativität, kritischem Denken, Selbststeuerung und lebenslangem Lernen. Digitale Tools (auch KI) sollten helfen, aber nicht das Ziel sein. Bildung muss dazu befähigen, Veränderungen zu verstehen, zu gestalten und zu navigieren. - Kann Unternehmertum wirklich eine Lösung für Jobverluste sein?
Ja – wenn es breit gedacht wird. Unternehmertum bedeutet heute nicht mehr zwangsläufig GmbH, Businessplan und Großraumbüro. Auch Solo-Selbstständige, Content-Creator, Dienstleister, Entwickler, Online-Berater oder Projektarbeiter sind unternehmerisch tätig. Die KI kann viele Aufgaben übernehmen, sodass selbst Einpersonenunternehmen professionelle Ergebnisse erzielen können – oft auf Weltmarktniveau. - Welche Unterstützung braucht modernes Unternehmertum?
Vor allem:
– Zugang zu Kapital und Werkzeugen
– Entbürokratisierung
– schnelle Infrastruktur (z. B. Internet, digitale Verwaltung)
– Rechtssicherheit
– Kulturellen Wandel: Unternehmer dürfen nicht länger als „Risikofälle“ oder „Steuervermeider“ gelten – sondern als Problemlöser, Innovatoren und Rückgrat der Transformation. - Wie schnell wird die Arbeitswelt durch KI wirklich verändert?
Deutlich schneller, als viele es erwarten. Während frühere technologische Umbrüche Jahrzehnte brauchten (Dampfmaschine, Computer, Internet), breiten sich KI-Anwendungen innerhalb weniger Monate weltweit aus. Plattformen wie ChatGPT erreichten in wenigen Wochen Millionen Nutzer – das gab es in der Geschichte noch nie. Der Wandel ist exponentiell, nicht linear. - Besteht die Gefahr, dass KI-Systeme in den „falschen Händen“ zu Machtkonzentration führen?
Diese Gefahr ist real. Heute dominieren wenige große Konzerne (OpenAI, Google, Meta, Amazon, Microsoft) die Entwicklung und den Zugang zu leistungsstarken KI-Modellen. Ohne politische Rahmenbedingungen und offene Standards droht eine monopolartige Machtverlagerung, bei der wirtschaftliche und gesellschaftliche Kontrolle in den Händen weniger Tech-Giganten liegt. - Was kann ich als Einzelperson tun, um nicht abgehängt zu werden?
Drei Dinge:
– Lernen, wie KI funktioniert (z. B. durch Kurse, Tools, Experimente).
– KI als Werkzeug einsetzen – nicht als Gegner.
– Eigene Stärken reflektieren: Was kann ich besser als eine KI? Was ist mein Stil, meine Geschichte, mein Wertbeitrag?
Resilienz entsteht nicht aus Widerstand, sondern aus Mitgestaltung. - Ist es nicht übertrieben, von einem „Systemkollaps“ zu sprechen?
Nicht zwangsläufig – es ist ein Warnsignal. Prof. Dr. Pero Mićić spricht von einem möglichen Kollaps unseres Arbeits- und Bildungssystems, weil diese auf Langsamkeit, Berechenbarkeit und Hierarchie ausgelegt sind. KI aber verändert Märkte, Anforderungen und Abläufe in Echtzeit. Wenn Systeme nicht mitziehen, entsteht Instabilität – im schlimmsten Fall ein Kipppunkt. - Was kann die Politik konkret tun, um den Wandel abzufedern?
– Regulierungsrahmen für KI-Einsatz schaffen (z. B. Transparenzpflicht, Haftung, Ethik)
– Sozialsysteme reformieren (Grundeinkommen, negative Einkommensteuer, Bildungsgutscheine)
– Gründungsförderung stärken
– Digitale Infrastruktur ausbauen
– Arbeitszeitmodelle flexibilisieren, um Übergänge zu erleichtern (Teilzeit, Projektarbeit, hybride Beschäftigungen) - Wo finde ich vertiefende Gedanken zu all diesen Themen in Buchform?
In meinem Buch „Krisen als Wendepunkte – Lernen. Wachsen. Gestalten.“ gehe ich genau diesen Fragen nach: Wie kann man eine Krise (z. B. den Jobverlust durch KI) als Chance zur Neuausrichtung nutzen? Welche praktischen Strategien helfen, um Lebensentwürfe neu zu denken – ohne sich in Ängsten oder alten Denkmustern zu verfangen? Das Buch verbindet persönliche Erfahrungen mit konkreten Handlungsimpulsen – für Menschen, die sich nicht von der Zukunft überrollen lassen wollen, sondern sie aktiv mitgestalten möchten.




