Wer sich nüchtern die Zahlen anschaut, reibt sich zunächst die Augen: Die heutigen BRICS-Staaten vereinen fast die Hälfte der Weltbevölkerung auf sich. Milliarden Menschen leben in diesen Ländern, arbeiten dort, produzieren, konsumieren, bauen Infrastruktur auf und gestalten ihre Zukunft. Gemessen an Bevölkerung, Wirtschaftsleistung (vor allem in Kaufkraft) und Rohstoffen handelt es sich also keineswegs um eine Randerscheinung der Weltpolitik. Und doch spielen die BRICS-Staaten in der täglichen Berichterstattung westlicher Medien meist nur eine Nebenrolle – oft reduziert auf Einzelereignisse, Konflikte oder Schlagworte.
Genau an diesem Punkt setzt dieser Artikel an. Nicht, um BRICS zu feiern oder zu verteidigen, sondern um zu verstehen, was sich hinter dieser Abkürzung verbirgt, wie sie entstanden ist und warum sie heute eine Rolle spielt, die man nicht einfach ausblenden kann.
Warum BRICS hierzulande kaum vorkommt
In Europa – und besonders in Deutschland – ist der Blick auf die Welt seit Jahrzehnten stark transatlantisch geprägt. Politische, wirtschaftliche und kulturelle Orientierungspunkte liegen vor allem in den USA und innerhalb der EU. Das ist historisch nachvollziehbar und lange Zeit auch erfolgreich gewesen. Gleichzeitig führt diese Perspektive aber dazu, dass Entwicklungen außerhalb dieses Rahmens oft als zweitrangig wahrgenommen werden.
BRICS passt schlecht in diese gewohnte Ordnung. Der Staatenverbund ist weder klassischer Verbündeter noch klarer Gegner, weder Militärbündnis noch Wirtschaftsunion nach europäischem Vorbild. Er ist uneinheitlich, widersprüchlich und schwer einzuordnen. Genau das macht ihn für viele Redaktionen unbequem – und erklärt, warum er häufig nur dann auftaucht, wenn er sich als Kontrastfolie zum „Westen“ eignet.
Die Abkürzung, die mehr ist als ein politisches Schlagwort
Der Begriff „BRIC“ stammt ursprünglich nicht aus der Politik, sondern aus der Finanzwelt. Anfang der 2000er-Jahre verwendete ihn ein westlicher Ökonom, um aufstrebende Volkswirtschaften zu beschreiben, denen man langfristig starkes Wachstum zutraute: Brasilien, Russland, Indien und China. Es ging um Investitionen, nicht um Weltpolitik.
Erst später kam Südafrika hinzu, und aus „BRIC“ wurde „BRICS“.
Diese Herkunft ist wichtig, weil sie zeigt: BRICS war keine antiwestliche Erfindung, kein Gegenprojekt zur NATO oder zur EU. Am Anfang stand eine nüchterne Beobachtung wirtschaftlicher Entwicklungen – formuliert aus westlicher Perspektive.
Vom Analysebegriff zur politischen Realität
Erst im Laufe der Jahre wurde aus dem Begriff ein politisches Format. Die beteiligten Länder begannen, sich regelmäßig zu treffen, Positionen abzustimmen und gemeinsame Erklärungen zu veröffentlichen. Aus einem Etikett wurde ein Gesprächskreis, aus dem Gesprächskreis ein lockerer Staatenverbund. Dabei ging es zunächst um sehr konkrete Fragen:
- Wie reagieren wir auf globale Finanzkrisen?
- Wie stellen wir sicher, dass unsere Interessen in internationalen Institutionen wie dem Internationalen Währungsfonds oder der Weltbank angemessen berücksichtigt werden?
- Warum tragen wir einen immer größeren Teil zur Weltwirtschaft bei, haben aber vergleichsweise wenig Einfluss auf deren Regeln?
Diese Fragen waren – und sind – nicht ideologisch, sondern systemisch. Sie betreffen Machtverteilung, Repräsentation und Stabilität.
BRICS als Ausdruck einer Verschiebung
Dass BRICS heute so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, liegt weniger an aggressiven Absichten als an einer grundlegenden Veränderung der Weltordnung. Die Phase, in der wirtschaftliche und politische Macht fast ausschließlich im Westen konzentriert war, geht sichtbar zu Ende. Neue Zentren entstehen, alte Gewissheiten verlieren an Gültigkeit.
BRICS ist ein Symptom dieser Entwicklung. Der Staatenverbund bündelt Länder, die lange Zeit als „aufstrebend“ bezeichnet wurden und inzwischen in vielen Bereichen tragende Säulen der Weltwirtschaft sind. Ihre Interessen decken sich nicht immer, ihre politischen Systeme unterscheiden sich stark, ihre historischen Erfahrungen ebenfalls. Was sie verbindet, ist weniger gemeinsame Ideologie als die Erfahrung, dass bestehende Strukturen ihre Realität nur unzureichend abbilden.
Keine geschlossene Front, sondern eine Zweckgemeinschaft
Ein häufiger Fehler in der öffentlichen Diskussion besteht darin, BRICS als geschlossenen Block zu betrachten. Das ist er nicht. Zwischen den Mitgliedsstaaten bestehen teils erhebliche Spannungen, konkurrierende Interessen und unterschiedliche strategische Ziele. Indien und China etwa sind wirtschaftlich eng verflochten, geopolitisch aber Rivalen. Brasilien verfolgt andere Prioritäten als Russland, Südafrika andere als die Golfstaaten.
Gerade diese Uneinheitlichkeit macht deutlich, dass BRICS nicht als klassisches Machtinstrument funktioniert. Entscheidungen werden im Konsens getroffen, Verpflichtungen sind oft bewusst vage formuliert. Das mag aus westlicher Sicht ineffizient wirken, schützt den Verbund aber vor inneren Brüchen.
Warum dieser Artikel notwendig ist
In der öffentlichen Debatte wird BRICS häufig entweder überschätzt oder abgetan. Die einen sehen darin bereits den Beginn einer neuen Weltordnung, die anderen eine lose Gesprächsrunde ohne echte Bedeutung. Beide Sichtweisen greifen zu kurz.
Um BRICS einordnen zu können, braucht es Abstand, Kontext und historische Tiefe. Man muss verstehen, woher dieses Format kommt, welche Probleme es adressieren will und welche Erwartungen realistisch sind – und welche nicht. Genau das soll dieser Artikel leisten.
Er will weder warnen noch beruhigen, sondern erklären. Denn wer globale Entwicklungen verstehen will, kommt an BRICS nicht vorbei – ganz gleich, wie man politisch zu einzelnen Mitgliedsstaaten steht.
In den folgenden Kapiteln geht es daher Schritt für Schritt weiter: von den historischen Ursprüngen über den institutionellen Aufbau und die wirtschaftliche Realität bis hin zu der Frage, wie Europa und Deutschland mit dieser Entwicklung umgehen könnten. Nicht im Sinne eines Entweder-oder, sondern im Sinne einer offenen, nüchternen Standortbestimmung.
BRICS ist kein Randthema. Und genau deshalb verdient es mehr als Schlagzeilen – nämlich einen ruhigen, erklärenden Blick.
Die Finanzkrise 2008 als Katalysator
Die globale Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009 war weit mehr als ein vorübergehender wirtschaftlicher Einbruch. Sie stellte grundlegende Annahmen infrage, auf denen die internationale Wirtschaftsordnung seit Jahrzehnten beruhte. Banken gerieten ins Wanken, Staaten mussten mit enormen Summen einspringen, und plötzlich zeigte sich, wie fragil ein System sein konnte, das zuvor als weitgehend stabil gegolten hatte.
Für viele Länder war diese Krise ein Weckruf – auch für jene, die später unter dem Kürzel BRICS zusammenfanden.

Wer die Rechnung zahlte – und wer die Regeln machte
Auffällig war, dass die Krise ihren Ursprung zwar in den Finanzmärkten der westlichen Industrieländer hatte, ihre Folgen aber weltweit spürbar waren. Auch Staaten, die kaum Einfluss auf die Entstehung der Probleme gehabt hatten, sahen sich mit Einbrüchen im Handel, Kapitalabflüssen und wirtschaftlicher Unsicherheit konfrontiert. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die zentralen Entscheidungsstrukturen weiterhin stark von westlichen Ländern dominiert wurden – etwa im Internationaler Währungsfonds oder in der Weltbank.
Für aufstrebende Volkswirtschaften entstand daraus ein Spannungsgefühl: Sie trugen zunehmend zum globalen Wachstum bei, hatten aber vergleichsweise wenig Einfluss darauf, wie Krisen gemanagt wurden und welche Reformen beschlossen wurden.
Das Gefühl struktureller Unterrepräsentation
Gerade Länder wie China, Indien oder Brasilien verfügten bereits vor der Krise über erhebliche wirtschaftliche Dynamik. Dennoch spiegelte sich diese Realität nur unzureichend in Stimmrechten, Quoten oder Führungspositionen internationaler Institutionen wider. Reformen waren zwar angekündigt, kamen aber langsam voran und blieben oft hinter den Erwartungen zurück.
Die Finanzkrise verschärfte dieses Missverhältnis. Während westliche Staaten umfangreiche Rettungspakete schnürten und ihre Finanzsysteme stabilisierten, blieb vielen anderen Ländern nur die Rolle des Zuschauers – mit allen Konsequenzen für ihre eigenen Volkswirtschaften. Die Frage, ob das bestehende System noch zeitgemäß war, wurde dadurch unausweichlich.
Vom Einzelinteresse zur gemeinsamen Perspektive
In dieser Situation begann ein Umdenken. Die späteren BRICS-Staaten erkannten, dass sie ähnliche Erfahrungen machten und ähnliche Fragen stellten. Nicht im Sinne eines gemeinsamen ideologischen Projekts, sondern aus praktischer Notwendigkeit heraus. Wie lässt sich wirtschaftliche Stabilität sichern, wenn die zentralen Steuerungsmechanismen außerhalb des eigenen Einflussbereichs liegen? Wie kann man sich besser gegen externe Schocks absichern?
Die Antwort darauf war zunächst vorsichtig und pragmatisch: Austausch, Koordination, Abstimmung. Keine großen Programme, keine revolutionären Forderungen – sondern das schlichte Bedürfnis, nicht mehr ausschließlich auf Entscheidungen anderer angewiesen zu sein.
Die Rolle der G20 – und ihre Grenzen
In der unmittelbaren Krisenphase gewann die G20 an Bedeutung. Sie sollte ein breiteres Forum bieten als die klassische G7-Runde und auch große Schwellenländer einbinden. Für viele Beteiligte war das ein Schritt in die richtige Richtung. Gleichzeitig zeigte sich aber, dass selbst in diesem erweiterten Rahmen alte Machtverhältnisse fortwirkten.
Die G20 blieb ein wichtiges Diskussionsforum, konnte jedoch die grundlegende Frage nach dauerhafter Repräsentation nicht lösen. Für die späteren BRICS-Staaten wurde deutlich, dass punktuelle Einbindung nicht ausreichte, um strukturelle Ungleichgewichte zu korrigieren.
Ein oft unterschätzter Effekt der Finanzkrise war der Vertrauensverlust. Nicht nur gegenüber Banken oder Finanzprodukten, sondern gegenüber der Fähigkeit bestehender Institutionen, Krisen frühzeitig zu erkennen und wirksam zu begrenzen. Für Länder außerhalb des westlichen Kerns stellte sich zunehmend die Frage, ob sie ihre wirtschaftliche Zukunft vollständig an ein System binden wollten, dessen Steuerungsmechanismen sie kaum beeinflussen konnten.
Dieses Misstrauen äußerte sich nicht in offener Ablehnung, sondern in dem Wunsch nach zusätzlichen Sicherungsmechanismen. Man wollte nicht aussteigen, aber man wollte Alternativen haben.
Der Übergang von Analyse zu Handlung
Vor diesem Hintergrund gewann der ursprünglich rein analytische Begriff „BRIC“ eine neue Bedeutung. Die beteiligten Länder begannen, sich nicht nur als ähnliche Fälle in einer Studie zu sehen, sondern als Akteure mit gemeinsamen Interessen. Treffen auf Ministerebene, später auf Ebene der Staats- und Regierungschefs, waren die logische Folge.
Dabei blieb der Ton sachlich. Es ging nicht um Konfrontation, sondern um Ergänzung. Die Finanzkrise hatte gezeigt, dass globale Stabilität nicht allein durch wenige Akteure gewährleistet werden konnte. Diese Erkenntnis teilten viele Länder – auch wenn sie unterschiedliche Schlüsse daraus zogen.
Warum gerade diese Länder zusammenfanden
Dass ausgerechnet Brasilien, Russland, Indien und China – später ergänzt um Südafrika – diesen Weg einschlugen, hatte weniger mit ideologischer Nähe zu tun als mit ihrer Position im globalen System. Sie waren groß genug, um Gewicht zu haben, aber nicht mächtig genug, um die Regeln allein zu bestimmen. Gleichzeitig verfügten sie über ausreichend wirtschaftliche Substanz, um langfristig eigene Initiativen zu tragen.
Die Finanzkrise wirkte hier wie ein Brennglas. Sie machte sichtbar, was zuvor eher abstrakt geblieben war: die Diskrepanz zwischen wirtschaftlicher Realität und politischer Gestaltungsmacht.
Rückblickend lässt sich sagen, dass die Finanzkrise nicht die Ursache, aber der entscheidende Beschleuniger für die Entstehung von BRICS war. Sie brachte vorhandene Entwicklungen zusammen, verdichtete Interessen und schuf den Raum für neue Formen der Zusammenarbeit. Ohne die Krise wäre BRICS möglicherweise eine Randnotiz der Wirtschaftsgeschichte geblieben. Mit ihr wurde daraus ein politisch relevantes Format.
Im nächsten Kapitel geht es darum, wie aus dieser zunächst losen Abstimmung konkrete Strukturen entstanden sind – und warum BRICS sich dabei bewusst für einen anderen Weg entschieden hat als klassische westliche Organisationen.
BRICS-Gipfel in Johannesburg: Machtverschiebung oder Projektion?
Der Beitrag von ZDFheute ordnet den BRICS-Gipfel in Johannesburg in einen größeren geopolitischen Zusammenhang ein. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob sich derzeit eine neue Weltordnung herausbildet – und welche Rolle die BRICS-Staaten dabei spielen. Der Ukrainekrieg bildet einen wichtigen Hintergrund, ist jedoch nicht das einzige Thema des Treffens.
Brics statt G7: Wie sich eine Weltmacht gegen den Westen formt | ZDFheute live
Beobachter sehen insbesondere bei Russland und China den Versuch, Unzufriedenheit mit der als westlich dominiert empfundenen internationalen Ordnung aufzugreifen und für eine Erweiterung des Bündnisses zu nutzen. Das Video beleuchtet zudem die wachsende wirtschaftliche und demografische Bedeutung der BRICS-Staaten, das Interesse zahlreicher weiterer Länder an einem Beitritt sowie die möglichen Folgen für Europa, den Westen und aktuelle internationale Konflikte.
Wie BRICS handlungsfähig wurde, ohne sich zu verengen
Nach den ersten Gipfeltreffen und gemeinsamen Erklärungen stand BRICS vor einer klassischen Weggabelung: Entweder blieb man ein Gesprächsforum mit symbolischer Wirkung – oder man schuf Strukturen, die im Ernstfall auch praktisch wirken konnten. Die Entscheidung fiel bewusst auf einen Mittelweg. BRICS wollte handlungsfähiger werden, ohne sich in ein starres Regelwerk zu pressen oder eine supranationale Organisation nach westlichem Vorbild zu kopieren.
Dieser Ansatz prägt den Staatenverbund bis heute. Er erklärt, warum BRICS über einige wenige, aber gezielt gewählte Instrumente verfügt – und warum vieles absichtlich offen formuliert blieb.
Konsens statt Durchregieren
Ein zentrales Merkmal von BRICS ist das Konsensprinzip. Entscheidungen werden nicht mit Mehrheiten erzwungen, sondern nur getroffen, wenn alle Beteiligten zustimmen können. Das wirkt auf den ersten Blick langsam und umständlich. Tatsächlich ist es eine Konsequenz aus der Heterogenität der Mitgliedsstaaten: unterschiedliche politische Systeme, Wirtschaftsmodelle, regionale Interessen und historische Erfahrungen.
Der Vorteil dieses Ansatzes liegt in seiner Stabilität. Was beschlossen wird, hat eine hohe Akzeptanz. Der Nachteil liegt auf der Hand: ambitionierte Projekte lassen sich nur schrittweise umsetzen. BRICS nimmt diese Einschränkung bewusst in Kauf – als Preis für Zusammenhalt.
Die bewusste Abgrenzung zu EU und NATO
BRICS ist weder als Wirtschaftsunion noch als Militärbündnis konzipiert. Es gibt keine übergeordnete Verwaltung, keine einheitliche Gesetzgebung, keine verpflichtenden Sanktionsmechanismen. Das unterscheidet den Verbund grundlegend von der Europäischen Union oder der NATO.
Diese Abgrenzung ist kein Zufall. Viele BRICS-Staaten haben historisch die Erfahrung gemacht, dass zu starke institutionelle Bindungen politische Handlungsspielräume einschränken. Entsprechend zurückhaltend ist der Aufbau gemeinsamer Strukturen. Kooperation ja – Übertragung von Souveränität nein.
Die New Development Bank als zentrales Werkzeug
Der wichtigste institutionelle Schritt war die Gründung der New Development Bank (NDB). Sie markiert den Übergang von bloßer Abstimmung zu konkreter Umsetzung. Ziel der Bank ist es, Infrastruktur- und Entwicklungsprojekte in Mitgliedsstaaten und ausgewählten Partnerländern zu finanzieren – ergänzend zu bestehenden Institutionen, nicht als deren Ersatz.
Die NDB folgt dabei bewusst anderen Prinzipien als klassische Entwicklungsbanken. Projekte sollen schneller genehmigt werden, regionale Bedürfnisse stärker berücksichtigen und weniger politische Auflagen enthalten. Gleichzeitig bleibt die Bank vergleichsweise schlank organisiert. Sie ist kein allumfassendes Finanzinstrument, sondern ein gezielt eingesetztes Werkzeug.
Dass BRICS ausgerechnet im Finanzbereich Strukturen aufbaute, ist kein Zufall. Die Erfahrungen der Finanzkrise hatten gezeigt, wie stark wirtschaftliche Stabilität von externer Finanzierung, Währungsfragen und Kapitalströmen abhängt. Wer hier über keine eigenen Hebel verfügt, ist in Krisenzeiten besonders verletzlich.
Neben der NDB entstand deshalb auch ein gemeinsamer Reserve-Mechanismus, der im Notfall Liquidität bereitstellen soll. Er ist nicht als vollwertige Alternative zu internationalen Rettungsschirmen gedacht, sondern als zusätzliche Absicherung. Wieder zeigt sich das Grundmuster: nicht ersetzen, sondern ergänzen.
Weniger sichtbar, aber politisch bedeutsam
Viele dieser Strukturen wirken nach außen unspektakulär. Es gibt keine großen Zentralgebäude, keine täglich präsenten Sprecher, keine detaillierten Regelwerke. Gerade deshalb werden sie im Westen oft unterschätzt. Doch ihre politische Bedeutung liegt weniger in ihrer Größe als in ihrem Signal: BRICS-Staaten wollen nicht mehr ausschließlich auf bestehende Institutionen angewiesen sein.
Dieses Signal richtet sich nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. Es stärkt das Selbstverständnis der beteiligten Länder als gestaltende Akteure – und nicht bloß als Teilnehmer eines fremdbestimmten Systems.
Flexible Formate statt fester Apparate
Neben den finanziellen Instrumenten setzte BRICS auf eine Vielzahl thematischer Arbeitsgruppen, Ministertreffen und Dialogformate. Diese reichen von Wirtschaft und Finanzen über Gesundheit, Bildung und Wissenschaft bis hin zu Sicherheitsfragen. Charakteristisch ist dabei die Flexibilität: Nicht jedes Thema muss von allen Mitgliedsstaaten gleichermaßen intensiv bearbeitet werden.
Dieses „variable Geometrie“-Prinzip erlaubt es, Fortschritte dort zu erzielen, wo Interessen übereinstimmen, ohne den gesamten Verbund zu blockieren. Gleichzeitig verhindert es, dass BRICS sich in Detailfragen verliert oder überfordert.
Warum BRICS bewusst „unvollständig“ bleibt
Aus westlicher Perspektive wirkt BRICS oft unfertig. Es fehlt an klaren Zuständigkeiten, verbindlichen Regeln und durchsetzungsstarken Institutionen. Doch genau diese Unvollständigkeit ist Teil des Konzepts. BRICS versteht sich weniger als fertige Ordnung, sondern als Prozess.
Dieser Prozess erlaubt Anpassung. Neue Themen können aufgenommen, Formate verändert, Schwerpunkte verschoben werden, ohne langwierige Vertragsänderungen. In einer Welt, die sich zunehmend dynamisch und unvorhersehbar entwickelt, ist das für viele Beteiligte ein Vorteil.
Die gewählte Struktur machte es BRICS auch möglich, später zu wachsen. Neue Mitglieder und Partner konnten integriert werden, ohne bestehende Institutionen grundlegend umzubauen. Die geringe institutionelle Dichte wirkt hier wie ein Puffer gegen Überlastung.
Damit legte BRICS früh den Grundstein für seine spätere Expansion – nicht durch detaillierte Beitrittsregeln, sondern durch Offenheit und Anpassungsfähigkeit.
Zwischen Anspruch und Realität
Natürlich bleiben offene Fragen. Wie belastbar sind die geschaffenen Strukturen im Ernstfall? Reichen freiwillige Kooperation und Konsens aus, um in globalen Krisen wirksam zu handeln? Diese Zweifel sind berechtigt und begleiten BRICS von Anfang an.
Gleichzeitig zeigt der bisherige Verlauf, dass der Staatenverbund seinen eigenen Weg gefunden hat: vorsichtig, pragmatisch und bewusst anders als westliche Vorbilder. Im nächsten Kapitel wird sich zeigen, wie diese Struktur mit der wachsenden Mitgliederzahl und den steigenden Erwartungen umgeht – und welche Spannungen daraus entstehen.
Wachstum und Erweiterung – warum BRICS größer wurde und komplexer zugleich
Mit zunehmender Sichtbarkeit und wachsendem wirtschaftlichem Gewicht rückte BRICS zwangsläufig in den Fokus weiterer Staaten. Länder aus Asien, dem Nahen Osten, Afrika und Lateinamerika beobachteten aufmerksam, wie sich der Verbund entwickelte – und stellten sich eine einfache Frage:
Könnte dieses Format auch für uns relevant sein?
Damit stand BRICS vor einer Herausforderung, die viele internationale Zusammenschlüsse kennen: Wie bleibt man handlungsfähig, wenn das Interesse wächst? Und wie verhindert man, dass Erweiterung zur Verwässerung führt?

Erweiterung nicht als Zufall, sondern als Strategie
Die Öffnung von BRICS war kein spontaner Akt, sondern das Ergebnis längerer Diskussionen. Schon früh wurde deutlich, dass die ursprüngliche Fünfergruppe zwar symbolisch stark war, aber nicht die gesamte Breite des sogenannten „Globalen Südens“ abbildete. Wenn BRICS mehr sein wollte als ein exklusiver Club, musste es Wege finden, andere einzubinden.
Dabei ging es nicht um Masse um der Masse willen, sondern um strategische Ergänzung. Neue Mitglieder sollten regionale Reichweite, wirtschaftliche Ressourcen oder geopolitische Bedeutung einbringen – ohne das fragile Gleichgewicht des Verbundes zu zerstören.
Der große Schritt ab 2023
Mit den Erweiterungsbeschlüssen ab 2023 wurde dieser Ansatz erstmals sichtbar umgesetzt. Mehrere Staaten wurden eingeladen, BRICS beizutreten, andere erhielten einen neuen Status als sogenannte Partnerländer. Damit verließ der Verbund endgültig die Phase eines geschlossenen Zirkels und öffnete sich nach außen.
Dieser Schritt markiert einen Wendepunkt. BRICS wurde damit nicht nur größer, sondern auch vielfältiger – kulturell, wirtschaftlich und politisch. Gleichzeitig stieg die Komplexität der Abstimmung erheblich.
Vollmitgliedschaft und Partnerschaft – zwei Ebenen der Zugehörigkeit
Um diese Komplexität zu steuern, entschied sich BRICS für ein gestuftes Modell. Neben Vollmitgliedern gibt es seitdem Partnerstaaten, die an bestimmten Formaten teilnehmen können, ohne alle Verpflichtungen eines Beitritts einzugehen.
Diese Differenzierung ist mehr als ein technisches Detail. Sie erlaubt es Ländern, sich BRICS anzunähern, ohne sofort tief in die internen Prozesse eingebunden zu sein. Für den Verbund selbst schafft sie Flexibilität: Kooperation kann vertieft werden, ohne die Entscheidungsmechanismen zu überlasten.
Attraktivität trotz innerer Widersprüche
Bemerkenswert ist, dass das Interesse an BRICS gerade trotz – oder vielleicht wegen – seiner Uneinheitlichkeit wächst. Die Mitgliedsstaaten eint keine gemeinsame Ideologie, kein politisches System und kein geschlossenes Weltbild. Für viele Beitrittskandidaten ist genau das attraktiv.
BRICS verspricht keinen normativen Rahmen, sondern Handlungsspielraum. Es fordert keine politische Angleichung, keine Übernahme bestimmter Werte oder institutioneller Modelle. Kooperation erfolgt themenbezogen und freiwillig. In einer Welt, in der viele Staaten ihre Souveränität betonen, ist das ein starkes Argument.
Sonderfälle und offene Fragen
Die Erweiterung brachte allerdings auch Unsicherheiten mit sich. Nicht jeder eingeladene Staat vollzog den Beitritt reibungslos oder eindeutig. Einige hielten sich bewusst Optionen offen, andere zögerten aus innen- oder außenpolitischen Gründen.
Diese Uneindeutigkeit zeigt, dass BRICS kein geschlossenes Projekt ist, sondern ein Aushandlungsprozess. Mitgliedschaft ist kein Automatismus, sondern Ergebnis politischer Abwägung – sowohl auf Seiten des Verbundes als auch der Kandidaten.
Mehr Gewicht, aber weniger Übersicht
Mit jedem neuen Mitglied steigt das demografische, wirtschaftliche und geopolitische Gewicht von BRICS. Gleichzeitig wird es schwieriger, gemeinsame Positionen zu formulieren. Interessenlagen divergieren, Prioritäten verschieben sich, regionale Konflikte wirken in den Verbund hinein.
Das Konsensprinzip, das BRICS bisher Stabilität verliehen hat, wird dadurch stärker gefordert. Entscheidungen dauern länger, Formulierungen werden vorsichtiger, Projekte kleinteiliger. Was von außen wie Zögerlichkeit wirkt, ist oft Ausdruck des Versuchs, Brüche zu vermeiden.
Die Erweiterung von BRICS ist weniger Ausdruck eigener Machtambitionen als ein Spiegel globaler Verschiebungen. Viele Länder suchen nach Formaten, die ihnen mehr Autonomie ermöglichen, ohne sie in starre Bündnisse zu zwingen. BRICS bietet dafür eine Plattform – nicht perfekt, aber offen.
In diesem Sinne ist Wachstum kein Selbstzweck, sondern Reaktion auf eine Welt, in der traditionelle Machtzentren an relativer Bedeutung verlieren und neue Netzwerke entstehen.
Die Balance zwischen Offenheit und Handlungsfähigkeit
Die zentrale Frage für BRICS lautet daher nicht, ob es weiter wachsen sollte, sondern wie. Zu schnelle oder unkontrollierte Erweiterung könnte die ohnehin fragile Abstimmung überfordern. Zu viel Zurückhaltung wiederum könnte das Interesse potenzieller Partner abkühlen.
Bisher versucht BRICS, diesen Balanceakt pragmatisch zu lösen: durch gestufte Zugehörigkeit, flexible Formate und bewusst vage Verpflichtungen. Ob dieser Ansatz langfristig trägt, ist offen – aber er entspricht der Grundlogik des Verbundes.
Mit der Erweiterung verändert sich auch der Charakter von BRICS. Aus einer überschaubaren Gruppe aufstrebender Volkswirtschaften wird ein breites Kooperationsnetz, das unterschiedliche Regionen und Entwicklungsstufen verbindet. Damit steigt die politische Bedeutung – aber auch die Erwartungshaltung von außen.
Im nächsten Kapitel wird sich zeigen, wie diese gewachsene Struktur wirtschaftlich einzuordnen ist: Welche reale Macht bringt die Erweiterung mit sich? Und wo liegen die Grenzen, wenn man Zahlen, Handel und Ressourcen nüchtern betrachtet?
Bevölkerung, BIP und Warenexporte im Vergleich
| Kennzahl (Jahr) | BRICS (10) | EU (27) | EE.UU. |
|---|---|---|---|
| Bevölkerung (Anteil Welt) | 48,5% (2024) | ≈450 Mio. (01/2025) | 341,8 Mio. (07/2025) |
| BIP nominal (current US$) | — (sehr heterogen; siehe PPP) | 19,5 Bio. $ (2024) | 28,8 Bio. $ (2024) |
| BIP (PPP), Anteil Welt | 40% (2024) | 14,23% (2024) | 14,8% (2024) |
| Warenexporte, Anteil Welt | 24,6% (2024) | 27,9% (2024) | ≈8,3% (2024) |
BRICS-Gewicht bei Rohstoffen weltweit
| BRICS-Gewicht bei Rohstoffen (2024) | Anteil | Quelle | Sugerencia |
|---|---|---|---|
| Seltene Erden (Reserven) | 72% | BRICS Data | als „Reserven“ angegeben |
| Ölproduktion weltweit | 43,6% | BRICS Data (IEA) | Produktionsanteil |
| Gasproduktion weltweit | 36% | BRICS Data (IEA) | Produktionsanteil |
| Fläche (weltweit) | 36% | BRICS Data | territoriale Abdeckung |
Wirtschaftliche Realität statt Schlagzeilen – was BRICS ökonomisch wirklich bedeutet
Kaum ein Thema rund um BRICS wird so widersprüchlich behandelt wie seine wirtschaftliche Bedeutung. In manchen Darstellungen erscheint der Staatenverbund bereits als neue dominierende Weltmacht, die den Westen ökonomisch überholt habe. Andere Stimmen tun BRICS hingegen als lose Gruppe heterogener Länder ab, deren wirtschaftliche Zusammenarbeit kaum messbare Effekte habe. Beide Sichtweisen greifen zu kurz.
Um BRICS realistisch einzuordnen, hilft nur ein nüchterner Blick auf Zahlen, Strukturen und Vergleichsmaßstäbe – ohne Schlagzeilen, ohne politische Aufladung.
Ein zentraler Grund für Missverständnisse liegt in der Wahl der Kennzahlen. Je nachdem, ob man Bruttoinlandsprodukt, Kaufkraft, Handel oder Finanzmärkte betrachtet, ergibt sich ein sehr unterschiedliches Bild.
Besonders häufig wird auf das Bruttoinlandsprodukt nach Kaufkraftparität (PPP) verwiesen. Diese Kennzahl berücksichtigt, was Menschen mit ihrem Einkommen im eigenen Land tatsächlich kaufen können. Gemessen daran vereinen die heutigen BRICS-Staaten einen sehr großen Anteil der weltweiten Wirtschaftsleistung auf sich – größer als jener der klassischen G7-Staaten. Das ist faktisch korrekt und zeigt die enorme wirtschaftliche „Masse“ dieses Staatenverbundes.

Masse ist nicht gleich Marktmacht
Gleichzeitig ist Kaufkraft nicht gleichzusetzen mit internationaler Marktmacht. Für den globalen Handel, für Kapitalmärkte, für Technologieimporte oder Sanktionen spielt das nominale BIP, also die Wirtschaftsleistung zu aktuellen Wechselkursen, eine entscheidende Rolle. In dieser Perspektive liegen die BRICS-Staaten weiterhin hinter den westlichen Industrieländern zurück – insbesondere hinter der Kombination aus USA und Europäischer Union.
Diese Differenz ist wichtig. Sie erklärt, warum BRICS im Alltag vieler westlicher Unternehmen, Investoren und Verbraucher weniger präsent ist, als es seine Bevölkerungs- oder PPP-Zahlen vermuten lassen.
Bevölkerung als struktureller Faktor
Unstrittig ist hingegen der demografische Faktor. Die BRICS-Staaten umfassen einen erheblichen Teil der Weltbevölkerung. Das bedeutet nicht automatisch Wohlstand, wohl aber langfristiges Potenzial: Arbeitskräfte, Binnenmärkte, Nachfrage, Urbanisierung.
Aus ökonomischer Sicht ist das ein langsamer, aber nachhaltiger Hebel. Wachstum entsteht hier weniger durch kurzfristige Finanzimpulse, sondern durch schrittweise Industrialisierung, Infrastrukturaufbau und steigenden Konsum. Diese Prozesse verlaufen ungleichmäßig und sind schwer zu steuern, prägen aber die globale Wirtschaftsentwicklung über Jahrzehnte.
Handel: stark, aber anders strukturiert
Im internationalen Handel zeigen sich weitere Unterschiede. BRICS-Staaten sind bedeutende Exporteure, insbesondere von Rohstoffen, Vorprodukten und zunehmend auch Industriegütern. Dennoch liegt ihr Anteil am Welthandel spürbar unter jenem der klassischen Industrienationen, vor allem wenn Dienstleistungen und hochwertige Industriegüter betrachtet werden.
Der Westen – insbesondere Europa und die USA – dominiert weiterhin viele Wertschöpfungsketten mit hoher Marge: Maschinenbau, Chemie, Medizintechnik, Software, Finanzdienstleistungen. BRICS ist in diesen Bereichen unterschiedlich stark vertreten, aber keineswegs geschlossen führend.
Energie und Rohstoffe: viel Substanz, wenig Einheit
Häufig wird BRICS mit dem Hinweis auf Energie- und Rohstoffreichtum verbunden. Tatsächlich verfügen mehrere Mitgliedsstaaten über bedeutende Vorkommen von Öl, Gas, Metallen und strategischen Rohstoffen. Das verleiht dem Verbund potenzielles Gewicht – allerdings kein automatisches.
Rohstoffe allein erzeugen noch keine wirtschaftliche Dominanz. Entscheidend sind Verarbeitung, Technologie, Logistik und Absatzmärkte. Zudem konkurrieren BRICS-Staaten untereinander häufig als Anbieter. Gemeinsame Rohstoffpolitik ist daher deutlich schwieriger, als es einfache Prozentzahlen suggerieren.
Unterschiedliche Entwicklungsstände
Ein weiterer Aspekt, der in vereinfachten Darstellungen oft fehlt, ist die enorme interne Spreizung. Innerhalb von BRICS finden sich hochindustrialisierte Regionen, dynamische Schwellenländer und Staaten mit erheblichen strukturellen Problemen. Produktivität, Bildungsniveau, Infrastruktur und institutionelle Stabilität unterscheiden sich teils drastisch.
Diese Heterogenität begrenzt die kurzfristige ökonomische Integration. Sie ist zugleich ein Grund dafür, warum BRICS eher auf Koordination als auf Vereinheitlichung setzt. Einheitliche Wirtschaftsregeln oder gemeinsame Märkte wären unter diesen Voraussetzungen kaum praktikabel.
Finanzmärkte und Kapital
Auch im Bereich der Finanzmärkte zeigt sich ein klares Bild: Die großen westlichen Finanzplätze – New York, London, Frankfurt – prägen weiterhin Kapitalflüsse, Bewertungen und Investitionsentscheidungen. BRICS-Staaten haben zwar eigene Finanzzentren aufgebaut, doch deren internationale Reichweite ist begrenzt.
Das erklärt, warum viele BRICS-Initiativen im Finanzbereich vorsichtig formuliert sind. Es geht weniger darum, bestehende Strukturen zu ersetzen, als um zusätzliche Optionen zu schaffen – etwa bei Entwicklungsfinanzierung oder regionaler Kreditvergabe.
Wirtschaftliche Bedeutung als langfristiger Prozess
Zusammengefasst lässt sich sagen: BRICS ist ökonomisch weder eine Illusion noch ein allmächtiger Block. Seine Stärke liegt in der langfristigen Verschiebung wirtschaftlicher Gewichte, nicht in kurzfristiger Dominanz. Wer nur auf heutige Marktanteile schaut, unterschätzt den Trend. Wer aus einzelnen Kennzahlen eine neue Weltordnung ableitet, überschätzt ihn.
Diese Ambivalenz ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck einer Übergangsphase. Die wirtschaftliche Bedeutung von BRICS wächst – langsam, ungleichmäßig und oft leiser, als Schlagzeilen vermuten lassen.
Im nächsten Kapitel geht es um einen besonders sensiblen Punkt dieser Entwicklung: Währungen, Zahlungssysteme und die Frage, warum hier oft von Revolution gesprochen wird, obwohl in Wirklichkeit evolutionäre Schritte im Vordergrund stehen.
Währungen, Zahlungen und die große Missverständnisfalle
Wenn über BRICS gesprochen wird, taucht fast zwangsläufig ein Begriff auf, der sofort Emotionen weckt: Entdollarisierung. Schnell ist dann von einer angeblich geplanten BRICS-Weltwährung die Rede, vom Ende des US-Dollars oder von einer bevorstehenden finanziellen Zeitenwende. Solche Schlagzeilen sind eingängig – haben mit der tatsächlichen Entwicklung aber nur wenig zu tun.
Gerade im Bereich von Währungen und Zahlungssystemen lohnt sich ein besonders nüchterner Blick. Denn hier zeigt sich exemplarisch, wie leicht komplexe Prozesse missverstanden oder bewusst vereinfacht werden.

Der Dollar als Realität – nicht als Ideologie
Der US-Dollar ist bis heute die dominierende Leitwährung der Welt. Er spielt eine zentrale Rolle im internationalen Handel, an den Finanzmärkten, bei Rohstoffen und als Reservewährung von Zentralbanken. Diese Stellung ist historisch gewachsen und beruht nicht nur auf politischem Einfluss, sondern auf Tiefe, Liquidität und Vertrauen in die zugrunde liegenden Märkte.
Auch die BRICS-Staaten operieren in dieser Realität. Sie handeln in Dollar, halten Dollarreserven und sind in vielen Bereichen auf dollarbasierte Finanzstrukturen angewiesen. Wer daraus schließt, BRICS wolle den Dollar kurzfristig ablösen, verkennt sowohl die Abhängigkeiten als auch die Interessenlage der beteiligten Länder.
Die eigentliche Kritik der BRICS-Staaten richtet sich nicht gegen den Dollar an sich, sondern gegen die Einseitigkeit der Abhängigkeit. Wer große Teile seines Außenhandels, seiner Finanzierung oder seiner Reserven über eine einzige Währung abwickelt, macht sich verwundbar – etwa gegenüber Zinspolitik, Finanzmarktvolatilität oder geopolitischen Spannungen.
Aus dieser Perspektive ist die Diskussion um Währungen keine ideologische, sondern eine risikopolitische. Es geht um Diversifizierung, nicht um Konfrontation.
Lokale Währungen statt globale Fantasien
Vor diesem Hintergrund setzen BRICS-Initiativen vor allem auf den Ausbau von Handel in lokalen Währungen. Gemeint ist damit, dass bilaterale oder regionale Handelsbeziehungen verstärkt ohne Umweg über den Dollar abgewickelt werden – etwa zwischen China und Brasilien, Indien und Russland oder anderen Partnern.
Das ist kein revolutionärer Schritt, sondern eine technisch-organisatorische Anpassung. Solche Abkommen existieren auch außerhalb von BRICS und werden seit Jahrzehnten praktiziert. Neu ist allenfalls die zunehmende systematische Koordination innerhalb eines größeren Staatenverbundes.
Zahlungssysteme: Infrastruktur statt Symbolik
Ein weiterer Fokus liegt auf Zahlungssystemen. Internationale Zahlungen sind heute stark von wenigen Infrastrukturen abhängig, die in westlichen Staaten angesiedelt sind. Für viele Länder stellt sich daher die Frage, ob es sinnvoll ist, zusätzliche Abwicklungswege zu entwickeln – nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung.
Dabei geht es um technische Fragen: Clearing, Verrechnung, Interoperabilität zwischen Banken, Absicherung von Transaktionen. Diese Themen sind komplex, unspektakulär und wenig geeignet für Schlagzeilen. Genau deshalb werden sie oft übergangen – obwohl sie langfristig entscheidend sind.
Warum eine BRICS-Weltwährung unrealistisch ist
Die immer wieder kolportierte Idee einer gemeinsamen BRICS-Währung hält einer näheren Betrachtung nicht stand. Die wirtschaftlichen Voraussetzungen dafür fehlen: zu unterschiedliche Inflationsraten, Geldpolitiken, Kapitalverkehrskontrollen und Finanzmarkttiefen. Selbst in weit homogeneren Wirtschaftsräumen ist eine gemeinsame Währung ein extrem anspruchsvolles Projekt.
Innerhalb von BRICS wird dies auch offen so gesehen. Entsprechende Überlegungen bleiben theoretisch oder werden schnell relativiert. In der Praxis konzentriert man sich auf funktionale Lösungen, nicht auf symbolische Großprojekte.
Was sich im Bereich Währung und Zahlung tatsächlich beobachten lässt, ist eine schrittweise Entwicklung. Neue Abkommen, technische Anpassungen, institutionelle Lernprozesse. Jeder einzelne Schritt ist klein, oft kaum wahrnehmbar. In der Summe können sie jedoch dazu beitragen, Abhängigkeiten zu reduzieren und Handlungsspielräume zu erweitern.
Dieser evolutionäre Ansatz passt zum Gesamtcharakter von BRICS. Statt bestehende Strukturen frontal anzugreifen, werden Paralleloptionen aufgebaut. Das ist weniger spektakulär, aber deutlich realistischer.
Warum der Westen hier oft falsch liest
Ein Grund für die Missverständnisse liegt in der westlichen Wahrnehmung. Viele Debatten sind stark binär geprägt: Entweder für oder gegen den Dollar, für oder gegen das bestehende System. BRICS bewegt sich jedoch in einem Graubereich. Es akzeptiert die Realität des Systems, versucht aber, sich darin besser abzusichern.
Diese Differenzierung geht in der öffentlichen Diskussion häufig verloren. Stattdessen wird aus jedem technischen Schritt eine politische Kampfansage konstruiert. Das führt nicht nur zu Fehlinterpretationen, sondern erschwert auch eine sachliche Auseinandersetzung.
Am Ende lässt sich festhalten: Die Währungs- und Zahlungsinitiativen von BRICS sind Ausdruck eines pragmatischen Umgangs mit globalen Risiken. Sie zielen nicht auf Dominanz, sondern auf Resilienz. Nicht auf Ablösung, sondern auf Ergänzung. Wer BRICS verstehen will, sollte genau hier ansetzen. Nicht bei spektakulären Ankündigungen, sondern bei den leisen, technischen Veränderungen. Sie sagen mehr über die tatsächlichen Absichten aus als jede Schlagzeile.
Im nächsten Kapitel wird der Blick nach außen gerichtet: Wie reagieren westliche Staaten und Institutionen auf diese Entwicklungen? Und warum fällt es dem Westen oft schwer, zwischen berechtigter Kritik und Projektion zu unterscheiden?
Wie der Westen auf BRICS blickt – zwischen Ignoranz, Abwehr und Fehleinschätzung
Über viele Jahre spielte BRICS im westlichen Diskurs kaum eine Rolle. Der Staatenverbund wurde als lose Gesprächsrunde wahrgenommen, als analytisches Etikett ohne politische Durchschlagskraft. In Redaktionen, Ministerien und Thinktanks galt BRICS als interessant, aber nicht entscheidend. Man nahm zur Kenntnis, dass sich dort Länder trafen, die wuchsen – sah darin jedoch keinen Anlass, die eigene Ordnung grundsätzlich zu hinterfragen.
Diese Phase der Ignoranz war bequem. Sie erlaubte es, die vertrauten Kategorien von Macht und Einfluss beizubehalten und globale Entwicklungen als Fortsetzung des Bekannten zu interpretieren.

Vom Übersehen zur Alarmierung
Mit der Zeit änderte sich der Ton. Spätestens mit der sichtbaren Expansion von BRICS, mit neuen Mitgliedern und wachsender internationaler Aufmerksamkeit, begann eine Phase der Überinterpretation. Aus einem zuvor unterschätzten Format wurde in manchen Kommentaren plötzlich ein antiwestlicher Block, eine systemische Bedrohung oder gar ein Gegenspieler des Westens.
Diese Verschiebung sagt weniger über BRICS aus als über die westliche Wahrnehmung. Sie spiegelt die Schwierigkeit wider, eine Welt zu akzeptieren, in der Macht nicht mehr eindeutig verortet ist.
Die Projektion eigener Erfahrungen
Ein zentraler Grund für diese Fehleinschätzungen liegt in der Projektion eigener institutioneller Erfahrungen. Der Westen ist geprägt von klar strukturierten Bündnissen: der G7, der Europäischen Union, der NATO. Diese Formate basieren auf verbindlichen Regeln, festen Institutionen und einem gemeinsamen normativen Fundament.
BRICS funktioniert anders. Es verzichtet bewusst auf enge institutionelle Bindungen, auf verbindliche Sanktionsmechanismen und auf ein einheitliches Werteverständnis. Wer BRICS mit westlichen Maßstäben misst, kommt zwangsläufig zu falschen Schlüssen – entweder der der Schwäche oder der der verdeckten Aggression.
Kritikpunkte – berechtigt und verkürzt zugleich
Die westliche Kritik an BRICS ist nicht unbegründet. Häufig genannte Punkte sind mangelnde Transparenz, unklare Entscheidungsprozesse, innere Widersprüche und politische Spannungen zwischen Mitgliedsstaaten. Auch die Tatsache, dass autoritäre und demokratische Systeme nebeneinanderstehen, wird kritisch gesehen.
All diese Punkte sind real. Problematisch wird es dort, wo sie zu pauschalen Urteilen verdichtet werden. Die innere Vielfalt von BRICS wird dann nicht als Strukturmerkmal verstanden, sondern als Beweis für angebliche Unfähigkeit. Dabei wird übersehen, dass gerade diese Vielfalt Voraussetzung für die Existenz des Verbundes ist.
Zwischen moralischem Anspruch und strategischer Blindheit
Ein weiterer Aspekt ist der normative Anspruch des Westens. Gerade Europa – und hier insbesondere die Europäische Union – versteht sich gern als Wertegemeinschaft. Dieser Anspruch ist historisch gewachsen und hat viele positive Seiten. Er kann jedoch zur strategischen Blindheit führen, wenn er den Blick auf Interessen, Machtverschiebungen und alternative Kooperationsformate verstellt.
BRICS stellt diesen Anspruch nicht offen infrage, ignoriert ihn aber weitgehend. Kooperation erfolgt nicht auf Grundlage gemeinsamer Werte, sondern gemeinsamer Interessen. Für viele westliche Beobachter ist das schwer einzuordnen – und wird daher häufig als Defizit interpretiert.
In der öffentlichen Debatte zeigt sich eine starke Neigung zur Vereinfachung. BRICS wird entweder als monolithischer Block dargestellt oder als ineffizientes Konstrukt ohne Zukunft. Beides entlastet vom genauen Hinsehen. Differenzierte Analysen, die innere Dynamiken, Zielkonflikte und Lernprozesse berücksichtigen, finden seltener Gehör.
Diese Vereinfachung ist verständlich, aber gefährlich. Sie führt dazu, dass politische und wirtschaftliche Entscheidungen auf Annahmen beruhen, die der Realität nur teilweise entsprechen.
Westliche Selbstvergewisserung statt Analyse
Nicht selten dient der Blick auf BRICS auch der westlichen Selbstvergewisserung. Indem man den Verbund als rückständig, widersprüchlich oder ineffektiv beschreibt, bestätigt man implizit die eigene Ordnung als überlegen und alternativlos. Das mag kurzfristig beruhigend wirken, verhindert aber langfristig Anpassung.
Geschichte zeigt, dass Machtverschiebungen selten linear verlaufen. Sie kündigen sich oft leise an, werden lange ignoriert und dann plötzlich als Krise wahrgenommen. BRICS ist kein revolutionärer Umsturz – aber ein Hinweis darauf, dass sich globale Koordinaten verschieben.
Die verpasste Gesprächsebene
Ein weiterer blinder Fleck ist der Mangel an echtem Dialog. Der Westen spricht häufig über BRICS, aber selten mit ihm. Gemeinsame Foren werden genutzt, um Positionen zu markieren, weniger, um Perspektiven auszutauschen. Dadurch verfestigen sich Missverständnisse auf beiden Seiten.
Dabei gäbe es zahlreiche Anknüpfungspunkte: Handel, Klima, Infrastruktur, Gesundheit, Technologie. Viele dieser Themen werden ohnehin global verhandelt – oft parallel, aber nicht gemeinsam.
Der westliche Blick auf BRICS schwankt derzeit zwischen Abwehr und Anpassung. Einerseits gibt es den Impuls, bestehende Strukturen zu verteidigen und neue Formate kleinzureden. Andererseits wächst das Bewusstsein, dass globale Herausforderungen ohne Einbindung neuer Akteure nicht lösbar sind. Diese Spannung ist noch nicht aufgelöst. Sie prägt die aktuelle Debatte und wird in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen.
Im nächsten Kapitel rückt der Fokus auf Europa und Deutschland. Dort stellt sich die Frage besonders zugespitzt: Wie positioniert man sich in einer Welt, die nicht mehr klar in westliche und nichtwestliche Lager zerfällt? Und welche Haltung ist langfristig tragfähig – politisch, wirtschaftlich und strategisch?
China und BRICS: Machtbalance statt Blockdenken
In dieser Podcastfolge wird deutlich, dass die Rolle Chinas innerhalb der BRICS-Staaten weder eindimensional noch konfliktfrei ist. China ist zwar wirtschaftlich der dominante Akteur, bewegt sich aber in einem Bündnis, das bewusst auf Ausgleich und Interessenbalance setzt. Die Sinologin Prof. Susanne Weigelin-Schwiedrzik ordnet ein, wie Chinas strategisches Handeln das globale Machtgefüge beeinflusst – weniger als offene Konfrontation, sondern als langfristige Positionsverschiebung. Zugleich zeigt sie die inneren Spannungen innerhalb von BRICS auf, etwa zwischen China, Russland und Indien, und verweist auf historische Hintergründe.
Von China bis Russland – Wie mächtig ist BRICS? | LOOKAUT
Auch Europa kommt in den Blick: Die enge transatlantische Bindung wird hinterfragt, ebenso die mögliche Rolle Europas als vermittelnder Akteur in einer zunehmend multipolaren Welt.
Europa und Deutschland – ein unbequemer Standort in einer multipolaren Welt
Für Europa – und besonders für Deutschland – stellt BRICS keine abstrakte geopolitische Debatte dar, sondern eine sehr konkrete Frage nach der eigenen Position. Über Jahrzehnte war die außen- und wirtschaftspolitische Orientierung klar: transatlantisch eingebettet, europäisch koordiniert, regelbasiert organisiert. Dieses Modell hat Stabilität, Wohlstand und politischen Einfluss ermöglicht. Doch es setzt voraus, dass die Welt in überschaubare Blöcke gegliedert bleibt.
Diese Voraussetzung gerät ins Wanken. BRICS steht sinnbildlich für eine Welt, in der Macht nicht mehr eindeutig verteilt ist und in der Kooperation zunehmend netzwerkartig statt blockförmig organisiert wird.
Europa als Regelsetzer – mit schwindender Hebelwirkung
Die Europäische Union versteht sich traditionell als Regelsetzer: Standards, Normen, Verfahren. Dieses Selbstverständnis ist nachvollziehbar und hat der EU international Anerkennung verschafft. Gleichzeitig zeigt sich zunehmend, dass Regelsetzung ohne ausreichende wirtschaftliche und politische Hebel an Wirkung verliert.
In einer Welt, in der immer mehr Staaten eigene Wege gehen und alternative Foren nutzen, stößt das europäische Modell an Grenzen. BRICS folgt nicht den institutionellen Logiken der EU – und hat auch kein Interesse daran. Das stellt Europa vor die Frage, wie es mit Akteuren umgeht, die sich bewusst außerhalb des eigenen Ordnungsrahmens bewegen.
Deutschland zwischen Moral und Interesse
Für Deutschland ist diese Frage besonders heikel. Das Land ist stark exportorientiert, rohstoffarm und in hohem Maße auf stabile internationale Beziehungen angewiesen. Gleichzeitig hat Deutschland in den vergangenen Jahren außenpolitisch stärker auf normative Positionierung gesetzt.
Dieser Ansatz ist nicht per se falsch. Problematisch wird er dort, wo moralische Haltung und wirtschaftliche Realität dauerhaft auseinanderdriften. BRICS macht diese Spannung sichtbar, weil viele seiner Mitgliedsstaaten für deutsche Unternehmen wirtschaftlich relevant sind – unabhängig von politischen Differenzen.
In der deutschen Debatte taucht zunehmend die Frage auf, ob eine konsequent transatlantische Ausrichtung noch ausreicht. Oder ob es nicht sinnvoller wäre, offen nach mehreren Seiten zu agieren – ohne Loyalitäten aufzukündigen, aber auch ohne sich selbst zu beschränken.
BRICS zwingt nicht zur Entscheidung zwischen „Westen“ und „Nicht-Westen“. Es stellt vielmehr die Frage, ob diese Kategorien noch zeitgemäß sind. Für ein Land wie Deutschland, das historisch von Handel, Ausgleich und Vernetzung profitiert hat, ist das keine triviale Überlegung.
Europa als Zuschauer oder Mitgestalter
Ein zentrales Risiko für Europa besteht darin, Entwicklungen lediglich zu kommentieren, statt sie aktiv mitzugestalten. Wer BRICS ausschließlich aus der Distanz bewertet – sei es kritisch oder abwehrend –, verzichtet auf Einflussmöglichkeiten. Dabei ließen sich viele Themen nur gemeinsam voranbringen: Klimapolitik, Infrastruktur, Gesundheitsvorsorge, globale Lieferketten.
Das bedeutet nicht, unkritisch jede Form der Kooperation zu suchen. Es bedeutet aber, Gesprächskanäle offen zu halten und Interessen klar zu benennen – ohne sie mit moralischer Überhöhung zu überfrachten.
Die Gefahr strategischer Einseitigkeit
Eine der Lehren aus den vergangenen Jahren ist, dass strategische Einseitigkeit verletzlich macht. Abhängigkeiten – ob bei Energie, Rohstoffen oder Märkten – werden erst dann problematisch, wenn Alternativen fehlen. BRICS wird von vielen Ländern gerade deshalb als attraktiv wahrgenommen, weil es zusätzliche Optionen eröffnet. Für Europa könnte die entscheidende Frage lauten:
- Wie schafft man eigene Optionen, ohne sich selbst zu isolieren?
- Wie bleibt man handlungsfähig in einer Welt, die nicht mehr nach einem einzigen Referenzmodell funktioniert?
Zwischen Anpassung und Selbstbehauptung
Europa steht nicht vor der Wahl, sich BRICS „zuzuwenden“ oder sich davon abzuwenden. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, die eigene Rolle neu zu definieren. Das erfordert Anpassungsfähigkeit, aber auch Selbstbehauptung. Nicht jedes neue Format ist automatisch sinnvoll, nicht jede Kooperation zwingend notwendig.
Gleichzeitig sollte man anerkennen, dass sich globale Gewichte verschieben – unabhängig davon, wie man sie bewertet. Wer diese Realität ignoriert, verliert Gestaltungsspielraum.
Die deutsche Debatte holt auf
In Deutschland beginnt diese Diskussion erst langsam. Lange Zeit galt die Annahme, wirtschaftliche Vernetzung und politische Nähe ließen sich dauerhaft deckungsgleich halten. BRICS zeigt, dass diese Annahme nicht immer trägt. Wirtschaftliche Beziehungen entstehen zunehmend auch dort, wo politische Übereinstimmung begrenzt ist.
Das verlangt nach einer nüchternen Neubewertung außenwirtschaftlicher Strategien – jenseits von Schlagworten und Reflexen.
Am Ende dieses Kapitels steht keine klare Handlungsanweisung. Das ist kein Mangel, sondern Absicht. BRICS zwingt Europa und Deutschland nicht zu schnellen Entscheidungen, wohl aber zu ehrlicher Selbstreflexion. Welche Rolle will man spielen? Welche Interessen sind zentral? Und wo ist man bereit, Kompromisse einzugehen?
Diese Fragen lassen sich nicht in einem Artikel beantworten. Sie bilden jedoch den Hintergrund für den abschließenden Blick nach vorn: auf BRICS als Ausdruck einer multipolaren Welt – und auf die Chancen und Grenzen, die darin für alle Beteiligten liegen.
Encuesta actual sobre la confianza en la política y los medios de comunicación
Ausblick – BRICS als Symptom einer Welt im Übergang
Am Ende dieses Artikels steht bewusst kein Fazit im klassischen Sinne. Dafür ist die Entwicklung von BRICS zu offen, zu dynamisch und zu sehr Teil eines laufenden Prozesses. Wer heute versucht, abschließende Urteile zu fällen, läuft Gefahr, mehr über eigene Erwartungen preiszugeben als über die Realität. BRICS ist kein fertiges Modell – und will es offenbar auch nicht sein.
Gerade darin liegt seine Aussagekraft. Der Staatenverbund ist weniger Antwort als Hinweis: auf eine Welt, die sich neu ordnet, ohne bereits eine neue feste Ordnung gefunden zu haben.
BRICS als Spiegel globaler Verschiebungen
BRICS erklärt die Welt nicht – es spiegelt sie. Unterschiedliche Entwicklungsstände, politische Systeme, Interessen und Konflikte existieren nebeneinander und suchen nach Formen der Koexistenz. Dass daraus kein geschlossenes Programm entsteht, ist kein Zeichen des Scheiterns, sondern Ausdruck der Vielfalt, mit der globale Politik heute umgehen muss.
In diesem Sinne ist BRICS weniger ein Machtinstrument als ein Koordinationsversuch. Er bleibt fragmentarisch, manchmal widersprüchlich, oft vorsichtig. Doch genau diese Eigenschaften machen ihn anschlussfähig für Länder, die sich weder klar einem Block zuordnen wollen noch völlig allein agieren können.
Die Grenzen des Formats
Gleichzeitig darf man die Grenzen nicht übersehen. BRICS wird auf absehbare Zeit keine einheitliche Außenpolitik formulieren, keine gemeinsame Wirtschaftspolitik betreiben und keine geschlossene strategische Linie verfolgen. Zu unterschiedlich sind die Interessen, zu groß die inneren Spannungen, zu bewusst die Entscheidung gegen feste Institutionen.
Wer von BRICS eine neue Supermacht erwartet, wird enttäuscht werden. Wer darin jedoch einen flexiblen Rahmen erkennt, der Kooperation ermöglicht, ohne sie zu erzwingen, wird realistischer urteilen.
Ein zentrales Missverständnis besteht darin, globale Veränderungen als plötzliche Umbrüche zu erwarten. Die Geschichte verläuft jedoch meist inkrementell. Macht verschiebt sich nicht über Nacht, sondern über Jahre und Jahrzehnte hinweg – durch Demografie, Wirtschaft, Technologie und politische Lernprozesse.
BRICS fügt sich in dieses Muster ein. Es verändert das internationale Gefüge nicht abrupt, sondern schrittweise. Viele Effekte bleiben lange unsichtbar, andere werden überschätzt. Erst im Rückblick wird oft erkennbar, welche Entwicklungen wirklich prägend waren.
Der Westen als Teil der Geschichte – nicht ihr Gegenpol
Ein wichtiger Gedanke zum Schluss: BRICS existiert nicht gegen den Westen, sondern neben ihm. Beide sind Teil derselben globalen Geschichte. Die Annahme, es müsse zwangsläufig einen Sieger und einen Verlierer geben, entspringt einem Denken in klaren Fronten, das der heutigen Welt nur noch bedingt gerecht wird.
Für westliche Staaten – und insbesondere für Europa – liegt die Herausforderung weniger in der Abwehr von BRICS als in der eigenen Anpassungsfähigkeit. Wer offen bleibt für neue Formate, ohne eigene Prinzipien aufzugeben, wahrt Handlungsspielraum. Wer sich hingegen in Abgrenzung erschöpft, riskiert Bedeutung zu verlieren.
Offenheit als strategische Ressource
Vielleicht ist dies die wichtigste Lehre aus der bisherigen Entwicklung: Offenheit ist keine Schwäche, sondern eine strategische Ressource. Sie bedeutet nicht Beliebigkeit, sondern die Fähigkeit, unterschiedliche Interessenlagen auszuhalten und produktiv zu verarbeiten.
BRICS bietet dafür ein Experimentierfeld – unvollkommen, aber real. Es zeigt, dass Zusammenarbeit auch ohne vollständige Übereinstimmung möglich ist. Dass Pragmatismus manchmal weiter trägt als Ideologie. Und dass Macht heute weniger durch Dominanz als durch Vernetzung entsteht.
Die Geschichte bleibt in Bewegung
Wie sich BRICS weiterentwickelt, wird von vielen Faktoren abhängen: von inneren Reformen, globalen Krisen, technologischen Veränderungen und nicht zuletzt vom Verhalten anderer Akteure. Sicher ist nur eines: Die Geschichte ist nicht abgeschlossen. Sie wird weitergeschrieben – leise, widersprüchlich und oft jenseits der großen Schlagzeilen.
Dieser Artikel kann daher nur eine Momentaufnahme sein. Er versucht, Ordnung in ein komplexes Thema zu bringen, ohne den Anspruch auf letzte Wahrheit zu erheben. Wer BRICS verstehen will, muss bereit sein, Unsicherheit auszuhalten und Ambivalenz zu akzeptieren.
Am Ende bleibt keine klare Handlungsanweisung, kein eindeutiges Urteil, kein finales Narrativ. Das ist kein Mangel, sondern der angemessene Zustand in einer Welt im Übergang. BRICS ist Teil dieser Übergangsphase – nicht mehr und nicht weniger.
Vielleicht wird der Staatenverbund in zehn oder zwanzig Jahren eine andere Form angenommen haben. Vielleicht wird er an Bedeutung verlieren oder in andere Strukturen übergehen. Vielleicht wird er sich als dauerhaftes Element etablieren. All das ist offen.
Was sich jedoch bereits heute sagen lässt: BRICS zwingt dazu, vertraute Denkmodelle zu überprüfen. Und allein das macht es relevant – unabhängig davon, wie die Geschichte weitergeht.
Quellen und weiterführende Inhalte zu BRICS
- BRICS Data – Offizielle Kennzahlen: Die offizielle Datenseite der BRICS-Staaten bietet aktuelle Zahlen zu Bevölkerung, Wirtschaftsleistung, Handel, Energie und Rohstoffen. Sie eignet sich besonders, um Größenordnungen einzuordnen und Vergleiche mit westlichen Wirtschaftsblöcken faktenbasiert vorzunehmen.
- Destatis – BRICS-Staaten in Zahlen: Das Statistische Bundesamt stellt umfangreiche Daten zu den BRICS-Staaten bereit, darunter Wirtschaft, Energie, Umwelt und Bevölkerung. Die Seite ist besonders hilfreich für Leser, die eine nüchterne, deutsche Datenperspektive suchen.
- New Development Bank (NDB): Die Website der BRICS-Entwicklungsbank informiert über Ziele, Struktur und konkrete Projekte der NDB. Sie zeigt, wie BRICS versucht, eigene Finanzinstrumente aufzubauen, ohne bestehende internationale Institutionen vollständig zu ersetzen.
- Council on Foreign Relations – What is BRICS?: Eine gut verständliche englischsprachige Analyse zur Entstehung, Erweiterung und geopolitischen Bedeutung von BRICS. Der Beitrag ordnet den Staatenverbund aus westlicher Perspektive ein, ohne auf reine Schlagzeilen zu setzen.
- UNCTAD – BRICS Investment Report: Der Bericht der Vereinten Nationen analysiert Investitionsströme, wirtschaftliche Strategien und strukturelle Herausforderungen der BRICS-Staaten. Besonders interessant für Leser, die sich für langfristige wirtschaftliche Trends und Entwicklungsmodelle interessieren.
- UNCTAD – BRICS, Klima und Handel: Diese Studie beleuchtet die Rolle der BRICS-Staaten im Spannungsfeld zwischen Klimapolitik, Handel und wirtschaftlicher Entwicklung. Sie zeigt, wo gemeinsame Interessen liegen und wo Zielkonflikte bestehen.
- Bundeszentrale für politische Bildung – BRICS: Ein kompakter, gut verständlicher Überblick über Ursprung, Zusammensetzung und Bedeutung der BRICS-Staaten. Besonders geeignet für Leser, die einen ersten Einstieg oder eine sachliche Zusammenfassung auf Deutsch suchen.
- Wikipedia – New Development Bank (NDB): Der Artikel bietet eine detaillierte Darstellung der Gründung, Struktur und Arbeitsweise der BRICS-Entwicklungsbank. Eine gute Ergänzung zu offiziellen Quellen, um Zusammenhänge schnell nachzuschlagen.
- Wikipedia – BRICS-Gipfel 2023 (Johannesburg): Übersicht über einen zentralen Wendepunkt der BRICS-Entwicklung, inklusive Erweiterungsbeschlüssen und politischer Zielsetzungen. Der Artikel hilft, aktuelle Debatten zeitlich und inhaltlich einzuordnen.
- Reuters – BRICS und Reformvorschläge zum IWF: Aktuelle Nachrichtenmeldung zur gemeinsamen Position der BRICS-Staaten gegenüber internationalen Finanzinstitutionen. Reuters liefert hier einen sachlichen Einblick in reale politische Initiativen jenseits von Spekulationen.
Preguntas más frecuentes
- Was genau sind die BRICS-Staaten – und warum hört man plötzlich so viel von ihnen?
Die BRICS-Staaten sind ein Zusammenschluss mehrerer großer Schwellen- und Entwicklungsländer, die gemeinsam einen erheblichen Teil der Weltbevölkerung und einen wachsenden Anteil der globalen Wirtschaftsleistung repräsentieren. Lange galten sie eher als lockerer Gesprächskreis. Mit der Erweiterung des Verbundes, neuen Mitgliedern und konkreteren Kooperationsprojekten ist BRICS jedoch sichtbarer geworden. Gleichzeitig verändert sich die globale Machtverteilung, wodurch solche Formate automatisch mehr Aufmerksamkeit erhalten. - Sind die BRICS-Staaten ein Bündnis gegen den Westen?
Nein. BRICS ist weder als Anti-West-Bündnis noch als ideologischer Gegenpol zur EU oder zu den USA entstanden. Der Zusammenschluss entstand aus dem Wunsch nach besserer Repräsentation und größerem Einfluss in bestehenden globalen Strukturen. Dass BRICS heute teilweise als Gegenentwurf wahrgenommen wird, liegt eher an geopolitischen Spannungen und medialen Zuspitzungen als an der ursprünglichen Zielsetzung. - Warum wurde BRICS ursprünglich überhaupt gegründet?
Der Ursprung von BRICS liegt in der Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2008. Damals wurde deutlich, dass Länder mit wachsender wirtschaftlicher Bedeutung nur begrenzten Einfluss auf internationale Entscheidungsprozesse hatten. BRICS entstand als Versuch, Interessen zu koordinieren und gemeinsam mehr Gewicht in der globalen Wirtschafts- und Finanzarchitektur zu bekommen. - Wie einheitlich ist BRICS wirklich?
BRICS ist alles andere als ein homogener Block. Die Mitgliedsstaaten unterscheiden sich stark in politischen Systemen, wirtschaftlichen Strukturen, regionalen Interessen und strategischen Zielen. Gerade deshalb setzt BRICS auf Konsens und flexible Kooperation statt auf verbindliche Vorgaben. Einheitlichkeit ist nicht das Ziel – Koexistenz trotz Unterschiede schon. - Warum wird oft gesagt, BRICS habe die G7 wirtschaftlich überholt?
Diese Aussage bezieht sich meist auf das Bruttoinlandsprodukt nach Kaufkraftparität. Diese Kennzahl misst, was Menschen im jeweiligen Land real kaufen können, und hier liegt BRICS tatsächlich vor der G7. Für internationale Marktmacht, Finanzmärkte und Technologie spielt jedoch das nominale BIP eine größere Rolle – und dort liegt der Westen weiterhin vorne. - Welche Rolle spielt die Bevölkerung bei der Bewertung von BRICS?
Die Bevölkerung ist ein langfristiger wirtschaftlicher Faktor. Ein großer Bevölkerungsanteil bedeutet potenziell große Arbeitsmärkte, wachsenden Konsum und langfristiges Wachstum. Gleichzeitig sagt Bevölkerungsgröße allein wenig über Produktivität oder Wohlstand aus. Sie ist eher ein strategischer Hintergrundfaktor als ein kurzfristiger Machtindikator. - Ist BRICS wirtschaftlich stärker als die EU oder die USA?
Das kommt auf den Maßstab an. In Summe ist BRICS sehr groß, aber wirtschaftlich sehr ungleich verteilt. Die EU und die USA verfügen weiterhin über deutlich höhere Produktivität, stärkere Finanzmärkte und technologische Führungspositionen. BRICS ist wirtschaftlich relevant, aber kein geschlossener Wirtschaftsriese. - Warum wird so viel über eine angebliche BRICS-Weltwährung gesprochen?
Weil das Thema Aufmerksamkeit erzeugt. Tatsächlich gibt es keine realistischen Pläne für eine gemeinsame BRICS-Währung. Die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den Ländern sind dafür zu groß. Stattdessen geht es um Handel in lokalen Währungen und alternative Zahlungswege – also um Risikostreuung, nicht um einen Systemumsturz. - Was bedeutet „Entdollarisierung“ im BRICS-Kontext wirklich?
Entdollarisierung meint hier keine Abschaffung des US-Dollars, sondern eine Verringerung der einseitigen Abhängigkeit. BRICS-Staaten wollen bestimmte Handels- und Finanztransaktionen auch ohne Dollar abwickeln können, um weniger anfällig für externe Schocks oder politische Spannungen zu sein. - Warum reagiert der Westen oft so nervös auf BRICS?
Weil BRICS bestehende Denkmodelle infrage stellt. Der Westen ist an klar strukturierte Bündnisse gewöhnt. BRICS funktioniert anders: lose, flexibel, ohne feste Institutionen. Diese Form ist schwer einzuordnen und wird deshalb entweder unterschätzt oder überinterpretiert. - Sind die westlichen Kritikpunkte an BRICS berechtigt?
Teilweise ja. BRICS leidet unter inneren Spannungen, fehlender Transparenz und begrenzter Durchsetzungsfähigkeit. Problematisch wird es dort, wo diese Schwächen pauschalisiert und als Beweis für Irrelevanz oder Bedrohung genutzt werden. Eine differenzierte Betrachtung ist notwendig. - Welche Rolle spielt Europa in dieser neuen Weltlage?
Europa befindet sich in einer schwierigen Position. Es versteht sich als Regelsetzer, verliert aber relativ an wirtschaftlichem Gewicht. BRICS zwingt Europa dazu, seine Rolle neu zu definieren: weniger normativ, strategischer und offener für neue Kooperationsformate – ohne eigene Prinzipien aufzugeben. - Ist Deutschland besonders betroffen von der BRICS-Entwicklung?
Ja, weil Deutschland stark exportorientiert und rohstoffarm ist. Viele BRICS-Staaten sind wichtige Absatzmärkte oder Lieferanten. Gleichzeitig ist Deutschlands Außenpolitik stark wertebasiert. Diese Spannung zwischen wirtschaftlichen Interessen und politischer Haltung wird durch BRICS sichtbarer. - Muss sich Europa zwischen den USA und BRICS entscheiden?
Nein. Die eigentliche Herausforderung besteht nicht in einer Entweder-oder-Entscheidung, sondern darin, mehrere Beziehungen gleichzeitig zu pflegen. Eine offene, mehrdimensionale Außenwirtschaftspolitik ist für Europa langfristig sinnvoller als strategische Einseitigkeit. - Kann BRICS langfristig stabil bleiben?
Das ist offen. BRICS ist bewusst flexibel angelegt, was Stabilität fördern kann, aber auch Entscheidungsprozesse verlangsamt. Ob dieser Ansatz langfristig trägt, hängt davon ab, ob es gelingt, trotz wachsender Mitgliederzahl handlungsfähig zu bleiben. - Welche Themen könnten BRICS künftig stärker prägen?
Neben Wirtschaft und Finanzen dürften Themen wie Energie, Rohstoffe, Infrastruktur, Digitalisierung, Gesundheit und Klimapolitik an Bedeutung gewinnen. Gerade in diesen Bereichen gibt es globale Herausforderungen, die ohne breite internationale Kooperation kaum lösbar sind. - Ist BRICS eher Chance oder Risiko für den Westen?
Beides – je nach Umgang. Wer BRICS ignoriert oder dämonisiert, verspielt Einfluss. Wer es unkritisch idealisiert, ebenfalls. Als Gesprächspartner und Kooperationsformat kann BRICS Chancen bieten, globale Probleme pragmatischer anzugehen. - Was ist die wichtigste Erkenntnis aus der bisherigen BRICS-Entwicklung?
Dass sich die Welt nicht mehr klar in feste Blöcke einteilen lässt. BRICS steht für eine Übergangsphase, in der neue Kooperationsformen entstehen, ohne dass alte sofort verschwinden. Wer diese Ambivalenz akzeptiert, versteht die Gegenwart besser – und ist auf die Zukunft besser vorbereitet.













