Politieke begrippen gaan verbazingwekkend lang mee. Al decennia lang spreken we over links en rechts, over conservatief en progressief, over liberaal, sociaal of ecologisch. De woorden zijn grotendeels hetzelfde gebleven. Maar geldt dat ook voor de politieke standpunten die erachter schuilgaan?
Juist deze vraag vormde het uitgangspunt voor deze vergelijking. Het interesseert mij daarbij minder hoe partijen hun eigen geschiedenis vandaag de dag beschrijven of hoe politieke ontwikkelingen achteraf worden ingekaderd. Een eenvoudigere methode lijkt mij veel interessanter: je neemt de verkiezingsprogramma’s uit verschillende decennia en legt ze naast elkaar.
Was forderte die CDU/CSU 1983 tatsächlich? Was schrieb die SPD damals über Wirtschaft, Familie, Verteidigung oder Asyl? Welche Vorstellungen hatten die Grünen in ihrem ersten Bundestagswahlkampf von NATO, Bundeswehr und Energieversorgung? Wofür stand die FDP? Und was findet sich davon 1990 und schließlich 2025 noch in den Programmen wieder? Dabei können interessante Verschiebungen sichtbar werden. Aber welche das sind, soll nicht am Anfang dieses Artikels feststehen.
Nicht die Erinnerung zählt, sondern das Programm
Über die Vergangenheit wird häufig aus der Gegenwart heraus gesprochen. Das ist verständlich, birgt aber ein Problem. Unsere Erinnerung an frühere politische Positionen wird zwangsläufig davon beeinflusst, was danach geschehen ist.
Eine Partei, die wir heute als konservativ, sozialdemokratisch, grün oder liberal wahrnehmen, muss vor 40 Jahren nicht unter denselben Begriffen dasselbe verstanden haben. Umgekehrt können politische Forderungen, die heute einer bestimmten Partei zugeschrieben werden, früher an ganz anderer Stelle des Parteienspektrums zu finden gewesen sein.
Deshalb soll dieser Vergleich möglichst wenig mit politischen Erinnerungen arbeiten. Entscheidend ist nicht, wofür eine Partei unserer Meinung nach 1983 gestanden haben müsste, sondern was sie zur Bundestagswahl 1983 tatsächlich in ihr Programm geschrieben hat.
Dasselbe gilt für 1990 und 2025.
Wo immer es möglich ist, werden deshalb die vollständigen damaligen Wahlprogramme als Primärquelle verwendet. Aussagen werden zusammengefasst, durch kurze Originalzitate ergänzt und mit der jeweiligen Fundstelle versehen. Sekundärquellen sollen vor allem dort helfen, wo historische Besonderheiten erklärt oder Dokumente eingeordnet werden müssen.
Das bedeutet auch: Wenn sich für eine bestimmte Position im Wahlprogramm kein hinreichender Beleg findet, wird diese Lücke nicht mit Vermutungen gefüllt.
Warum gerade 1983, 1990, 2009 und 2025?
Die drei ausgewählten Bundestagswahlen markieren sehr unterschiedliche politische Situationen. 1983 befand sich die Bundesrepublik mitten im Kalten Krieg. Die Diskussion über den NATO-Doppelbeschluss und die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen prägte die politische Auseinandersetzung. Die Grünen traten erstmals erfolgreich zu einer Bundestagswahl an. Die Bundesrepublik bestand aus Westdeutschland und West-Berlin, die Europäische Union existierte noch nicht, und viele politische Fragen, die heute selbstverständlich erscheinen, wurden entweder unter völlig anderen Voraussetzungen diskutiert oder spielten noch kaum eine Rolle.
1990 war die Lage grundlegend verändert. Die Berliner Mauer war gefallen, die deutsche Einheit stand im Mittelpunkt, und die jahrzehntelang scheinbar festgefügte Ordnung des Kalten Krieges löste sich auf. Für einen historischen Vergleich ist dieses Jahr deshalb besonders interessant – gleichzeitig aber auch besonders schwierig.
Das gilt vor allem für die Grünen. Die heutige Partei Bündnis 90/Die Grünen existierte 1990 noch nicht in ihrer späteren Form. In Ost- und Westdeutschland bestanden unterschiedliche politische Organisationen und Wahlbündnisse. Diese Besonderheit muss bei den entsprechenden Vergleichen berücksichtigt werden, statt die heutige Parteistruktur rückwirkend auf das Jahr 1990 zu übertragen.
2025 schließlich bildet den gegenwärtigen Referenzpunkt. Zwischen 1983 und 2025 liegen 42 Jahre – mehr als eine politische Generation. Deutschland ist wiedervereinigt, die Europäische Gemeinschaft ist zur Europäischen Union geworden, die Sowjetunion existiert nicht mehr, die Bundeswehr operiert unter völlig anderen politischen Voraussetzungen, und Themen wie Klimapolitik, Migration oder europäische Integration besitzen einen Stellenwert, der sich mit der politischen Situation von 1983 nur bedingt vergleichen lässt. Gerade deshalb ist der Vergleich interessant.
Fünf Parteien, aber nicht immer fünf Zeitreihen
Untersucht werden CDU/CSU, SPD, Grüne und FDP jeweils für die Bundestagswahlen 1983, 1990 und 2025. Hinzu kommt für 2025 die AfD. Bei der AfD kann es naturgemäß keine historische Zeitreihe bis 1983 oder 1990 geben. Die Partei wurde erst Jahrzehnte später gegründet. Sie wird deshalb ausschließlich als zusätzlicher heutiger Referenzpunkt aufgenommen.
Das ist für einen Vergleich politischer Positionen durchaus nützlich. Denn eine der Fragen dieses Artikels lautet nicht nur, wie sich einzelne Parteien verändert haben. Ebenso interessant ist, ob Positionen, die eine Partei früher vertreten hat und heute nicht mehr vertritt, möglicherweise an anderer Stelle des heutigen Parteienspektrums auftauchen.
Dabei wäre es allerdings methodisch falsch, aus einzelnen Übereinstimmungen pauschale Gleichsetzungen abzuleiten. Wenn beispielsweise eine wirtschaftspolitische Position der CDU von 1983 im Jahr 2025 einer FDP-Position ähnelt oder eine damalige Position zu Migration oder nationaler Souveränität größere Übereinstimmungen mit der AfD zeigt, bedeutet das nicht, dass die damalige CDU insgesamt einer dieser heutigen Parteien entsprochen hätte.
In einem anderen Politikfeld kann das Ergebnis vollkommen anders aussehen. Genau diese Mehrdimensionalität ist daher ein wesentlicher Teil der Untersuchung.
Die Programme sollen möglichst selbst sprechen
Der Artikel ist deshalb bewusst anders aufgebaut als ein klassischer politischer Essay. Nach kurzen Einführungen in die einzelnen Themenbereiche stehen vor allem die dokumentierten Positionen im Mittelpunkt. Wirtschaft, Sozialstaat, Gesellschaft, Migration, Bürgerrechte, Energie, Umwelt, Europa sowie Außen- und Sicherheitspolitik werden jeweils in eigenen Vergleichsmatrizen gegenübergestellt.
Wo eine kurze Zusammenfassung nicht ausreicht, kommen Originalformulierungen hinzu. Gerade bei besonders markanten Veränderungen kann ein Satz aus einem Wahlprogramm aufschlussreicher sein als mehrere Absätze nachträglicher Interpretation. Das gilt beispielsweise für die Kernenergie ebenso wie für NATO, Abrüstung, Migration, Staatsangehörigkeit oder das Verständnis von Familie und Staat.
Allerdings verlangt auch eine solche dokumentarische Darstellung Entscheidungen. Schon die Auswahl der Vergleichskategorien ist eine Form der Strukturierung. Deshalb sollen die Kriterien möglichst transparent bleiben.
Was die Zeichen in den Tabellen bedeuten
Die Vergleichsmatrizen verwenden ein einheitliches Zeichensystem. Es soll keine politische Bewertung ausdrücken, sondern lediglich sichtbar machen, wie eindeutig und mit welchem Gewicht eine bestimmte Position im jeweiligen Wahlprogramm vertreten wird.
- ● bedeutet, dass eine Position ausdrücklich und erkennbar zentral vertreten wird.
- ◐ kennzeichnet eine ausdrücklich vorhandene Position, die jedoch eingeschränkt, differenziert oder nicht mit besonderem programmatischem Gewicht formuliert wird.
- ○ wird verwendet, wenn eine politische Richtung zwar erkennbar ist, aber nur vorsichtig, indirekt oder am Rande erscheint.
- ✕ bedeutet, dass das Programm die betreffende Position ausdrücklich ablehnt oder eine klar entgegengesetzte Forderung formuliert.
- — bedeutet dagegen lediglich, dass im untersuchten Programm keine hinreichend eindeutige Position festgestellt werden konnte.
Diese Unterscheidung ist wichtig. Wenn ein Wahlprogramm von 1983 beispielsweise ein politisches Konzept nicht erwähnt, das erst Jahrzehnte später größere Bedeutung erlangte, wäre es unseriös, daraus eine damalige Ablehnung abzuleiten. Schweigen ist keine Gegenposition. Die Tabellen sind deshalb weniger als Punktesystem zu verstehen denn als Orientierungshilfe für die dahinterliegenden Originalquellen.
Ein Vergleich über vier Jahrzehnte hat Grenzen
Ebenso wichtig ist eine weitere Einschränkung: Nicht jede politische Forderung lässt sich ohne Weiteres über 42 Jahre vergleichen. Die Europäische Gemeinschaft von 1983 war nicht die Europäische Union von 2025. Eine Forderung nach weiterer europäischer Integration bedeutete damals etwas anderes als heute, weil der Ausgangspunkt ein anderer war.
Ähnliches gilt für die Außenpolitik. Das Verhältnis der Bundesrepublik zur Sowjetunion lässt sich nicht einfach mit dem Verhältnis Deutschlands zum heutigen Russland gleichsetzen. Die sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen haben sich ebenso verändert wie Bündnisse, Grenzen und militärische Bedrohungslagen.
Auch bei Migration, Staatsangehörigkeit, Familienpolitik, Energie oder gesellschaftspolitischen Fragen haben sich Rechtslage und politische Begrifflichkeit teilweise grundlegend gewandelt.
Wo solche Unterschiede für das Verständnis entscheidend sind, werden sie kurz erläutert. Sie sollen aber nicht dazu dienen, unliebsame oder überraschende Aussagen historisch wegzuerklären. Der Kontext soll verständlich machen, unter welchen Bedingungen eine Position formuliert wurde. Die Position selbst bleibt stehen.
1983 ist nicht automatisch „rechter“ und 2025 nicht automatisch „linker“
Gerade deshalb soll diesem Vergleich keine politische Bewegungsrichtung vorgegeben werden. Es wäre einfach, mit einer These zu beginnen und anschließend in Tausenden Seiten Wahlprogrammen nach passenden Belegen zu suchen. Damit ließe sich vermutlich fast jede gewünschte Geschichte erzählen. Der umgekehrte Weg erscheint mir interessanter: zunächst möglichst einheitliche Fragen an sämtliche Programme stellen und erst danach betrachten, was dabei herauskommt.
Vielleicht zeigt sich bei gesellschaftspolitischen Themen eine deutliche Bewegung in eine Richtung, während sich wirtschaftspolitisch etwas ganz anderes beobachten lässt. Vielleicht haben sich außenpolitische Positionen stärker verändert als innenpolitische. Vielleicht gibt es Parteien, die in manchen Bereichen erstaunlich konstant geblieben sind und sich in anderen kaum wiedererkennen lassen.
Und möglicherweise erweist sich bereits die Vorstellung, politische Entwicklung auf einer einzigen Linie zwischen „links“ und „rechts“ abzubilden, als zu einfach. Das soll an dieser Stelle jedoch ausdrücklich offenbleiben.
Ein Experiment mit alten Dokumenten
Im Grunde ist dieser Artikel deshalb ein Experiment. Wir nehmen politische Dokumente aus drei sehr unterschiedlichen Jahren, zerlegen sie nach möglichst vergleichbaren Sachfragen und stellen die Antworten nebeneinander. Nicht die heutige Selbstdarstellung einer Partei entscheidet darüber, wofür sie früher stand. Ebenso wenig soll die heutige politische Bewertung darüber entscheiden, wie eine historische Aussage einzuordnen ist.
Entscheidend ist zunächst nur, was geschrieben wurde. Erst wenn Wirtschaftspolitik, Sozialstaat, Familie, Migration, Bürgerrechte, Energie, Europa, Bundeswehr, NATO, Abrüstung und zahlreiche weitere Fragen einzeln betrachtet worden sind, ergibt sich langsam ein größeres Bild.
Ob dieses Bild am Ende den verbreiteten Vorstellungen über die Entwicklung der deutschen Parteien entspricht oder an manchen Stellen vollkommen anders aussieht, werden die folgenden Kapitel zeigen.
Beginnen wir dort, wo sich politische Grundüberzeugungen traditionell besonders deutlich voneinander unterscheiden: bei Wirtschaft, Marktwirtschaft und der Frage, welche Rolle der Staat dabei spielen soll.

Wirtschaft, Markt und Rolle des Staates
Wirtschaftspolitik gehört zu den Bereichen, in denen sich politische Grundvorstellungen besonders deutlich zeigen. Soll der Staat vor allem die Bedingungen schaffen, unter denen Unternehmen und Bürger wirtschaftlich handeln können? Oder soll er stärker eingreifen, investieren, steuern und bestimmte Entwicklungen gezielt fördern?
Diese Fragen finden sich in unterschiedlichen Formen in allen untersuchten Jahrzehnten. Trotzdem hat sich ihr Umfeld erheblich verändert. 1983 kämpfte die Bundesrepublik mit hoher Arbeitslosigkeit, schwachem Wachstum und den wirtschaftlichen Folgen der vorangegangenen Ölkrisen. 1990 stand die deutsche Wiedervereinigung bevor beziehungsweise war gerade vollzogen worden. Ganze Wirtschaftsstrukturen der DDR mussten innerhalb kürzester Zeit in die westdeutsche Wirtschaftsordnung integriert werden.
2009 wiederum stand Deutschland unmittelbar unter dem Eindruck der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise. Banken mussten stabilisiert, Unternehmen gestützt und Konjunkturprogramme aufgelegt werden. Die Bundestagswahl fand damit ausgerechnet in einer Situation statt, in der selbst grundsätzlich marktwirtschaftlich orientierte Parteien über erhebliche staatliche Eingriffe diskutierten. Das SPD-Regierungsprogramm von 2009 stellte die Bewältigung dieser Krise ausdrücklich in den Mittelpunkt.
2025 hat sich die Fragestellung erneut verschoben. Wettbewerbsfähigkeit, Energiepreise, Bürokratie, Fachkräftemangel, Digitalisierung und die internationale Konkurrenz um industrielle Standorte bestimmen große Teile der wirtschaftspolitischen Programme. CDU/CSU stellen Wachstum, Unternehmensentlastung und geringere Regulierung besonders heraus; auch die FDP verbindet ihr Programm ausdrücklich mit Wachstum, steuerlicher Entlastung und einem schlankeren Staat.
Marktwirtschaft bedeutet nicht überall dasselbe
Fast alle untersuchten Parteien akzeptieren heute grundsätzlich eine marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnung. Die Unterschiede beginnen bei der Frage, wie diese ausgestaltet werden soll.
CDU/CSU und FDP verbinden Marktwirtschaft traditionell besonders stark mit unternehmerischer Freiheit, Wettbewerb, privatem Eigentum und einer Begrenzung staatlicher Regulierung. Die SPD akzeptiert ebenfalls die marktwirtschaftliche Ordnung, verbindet sie jedoch stärker mit sozialstaatlicher Absicherung, Mitbestimmung, Tarifbindung und staatlicher Gestaltung.
Bei den Grünen kommt ein weiteres Element hinzu. Bereits die frühe Programmatik stellte die Vorstellung infrage, wirtschaftliches Wachstum könne unabhängig von ökologischen Grenzen betrachtet werden. Daraus entwickelte sich über die Jahrzehnte eine Wirtschaftspolitik, die marktwirtschaftliche Instrumente zunehmend mit weitreichenden staatlichen Vorgaben für ökologische Transformation verbindet. Das Programmarchiv der Heinrich-Böll-Stiftung ermöglicht es, diese Entwicklung anhand der historischen Dokumente nachzuvollziehen.
Deshalb wäre die einfache Einordnung „mehr Markt“ oder „mehr Staat“ häufig zu grob. Eine Partei kann gleichzeitig marktwirtschaftlichen Wettbewerb befürworten und staatliche Milliardeninvestitionen verlangen. Sie kann private Unternehmen fördern und bestimmte Branchen politisch steuern. Und sie kann Bürokratie abbauen wollen, während sie in anderen Bereichen neue Regeln fordert.
Die Rolle des Staates verändert sich mit der Krise
Besonders interessant ist deshalb die zusätzliche Zwischenaufnahme von 2009. Die Finanzkrise zwang nahezu alle Parteien, ihr Verhältnis zu staatlichen Eingriffen unter außergewöhnlichen Bedingungen zu formulieren. Maßnahmen, die in normalen Zeiten als problematisch oder übermäßig interventionistisch gegolten hätten, wurden plötzlich zur Stabilisierung des Finanzsystems und der Wirtschaft diskutiert.
Gerade dadurch zeigt 2009, warum einzelne politische Positionen immer auch im zeitlichen Zusammenhang gelesen werden müssen. Die folgende Matrix vergleicht deshalb nicht einzelne Konjunkturmaßnahmen oder Steuersätze. Sie versucht, die längerfristige programmatische Grundrichtung sichtbar zu machen: Wie stark wird der Markt betont? Welche Rolle erhält der Staat? Wie stehen die Parteien zu Privatisierung, Regulierung, Investitionspolitik, Industriepolitik und Staatsverschuldung?
Vergleichsmatrix: Wirtschaft, Markt und Rolle des Staates
| Politische Position | CDU 1983 | CDU 1990 | CDU 2009 | CDU 2025 | SPD 1983 | SPD 1990 | SPD 2009 | SPD 2025 | Grüne 1983 | Grüne* 1990 | Grüne 2009 | Grüne 2025 | FDP 1983 | FDP 1990 | FDP 2009 | FDP 2025 | AfD 2025 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Starke marktwirtschaftliche Orientierung | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ○ | ○ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● |
| Stärkere staatliche Wirtschaftslenkung | ○ | ○ | ○ | ○ | ● | ● | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ○ |
| Privatisierung staatlicher Unternehmen und Aufgaben | ● | ● | ● | ● | ○ | ○ | ○ | ○ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ● | ● | ● | ● | ● |
| Öffentliche bzw. staatliche Unternehmen als wirtschaftspolitisches Instrument | ○ | ○ | ○ | ○ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ○ |
| Steuerliche und regulatorische Entlastung von Unternehmen | ● | ● | ● | ● | ○ | ○ | ◐ | ◐ | ✕ | ○ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● |
| Stärkere Umverteilung bzw. stärkere Besteuerung hoher Einkommen und Vermögen | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ |
| Tarifautonomie und eigenständige Lohnfindung der Tarifpartner | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ |
| Große staatliche Investitions- und Konjunkturprogramme | ○ | ○ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ✕ | ○ | ○ | ○ | ○ |
| Aktive staatliche Industriepolitik | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ○ | ○ | ○ | ◐ | ◐ |
| Schutz heimischer Industrie und strategisch wichtiger Wirtschaftsbereiche | ◐ | ◐ | ● | ● | ◐ | ◐ | ● | ● | ○ | ◐ | ◐ | ● | ○ | ◐ | ◐ | ◐ | ● |
| Bürokratieabbau und Verringerung staatlicher Regulierung | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ○ | ○ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● |
| Haushaltsdisziplin und Begrenzung staatlicher Verschuldung | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ◐ | ○ | ○ | ○ | ◐ | ○ | ● | ● | ● | ● | ● |
Zeichenerklärung:
● ausdrücklich und zentral vertreten
◐ ausdrücklich vertreten, aber eingeschränkt oder nicht zentral
○ schwach, indirekt oder nachrangig vertreten
✕ ausdrücklich abgelehnt bzw. klare Gegenposition
— im untersuchten Programm keine hinreichend eindeutige Position festgestellt
Methodischer Hinweis:
Die Zeichen stellen keine politische oder qualitative Bewertung dar. Sie verdichten ausschließlich die programmatische Richtung der untersuchten Bundestagswahlprogramme. Ein „—“ bedeutet ausdrücklich nicht, dass eine Partei eine Position ablehnte.
Hinweis zu 2009:
Die Bundestagswahl 2009 dient als zusätzliche Zwischenaufnahme zwischen Wiedervereinigung und Gegenwart. Sie fällt unmittelbar in die Zeit der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise, weshalb insbesondere Aussagen zu Konjunkturprogrammen, staatlichen Eingriffen, Industriepolitik und Haushaltsdisziplin vor diesem historischen Hintergrund gelesen werden müssen.
* Für 1990 ist die besondere historische Situation von Grünen und Bündnis 90 zu berücksichtigen. Die heutige Partei Bündnis 90/Die Grünen bestand damals noch nicht in ihrer späteren gemeinsamen Form.
Steuern, Sozialstaat und Arbeit: Wer trägt was – und was soll der Staat absichern?
Kaum ein Politikfeld verbindet so viele Grundfragen miteinander wie Steuern, Arbeit und soziale Sicherung. Wie stark soll der Staat Einkommen und Vermögen umverteilen? Welche Risiken soll die Gemeinschaft absichern, welche Verantwortung beim Einzelnen verbleiben? Wie groß muss der Abstand zwischen Erwerbseinkommen und staatlichen Leistungen sein? Und welche Rolle spielen Gewerkschaften, Arbeitgeber und der Staat bei der Gestaltung von Löhnen und Arbeitsbedingungen?
Gerade bei einem Vergleich über mehr als vier Jahrzehnte ist dabei Vorsicht geboten. Der Sozialstaat des Jahres 1983 lässt sich nicht einfach mit dem Sozialstaat von 2025 gleichsetzen. Steuersätze, Sozialleistungen, Arbeitsmarktinstrumente und selbst die Begriffe haben sich verändert. Bürgergeld, gesetzlicher Mindestlohn oder heutige Formen der Grundsicherung existierten damals nicht in ihrer heutigen Form.
Deshalb vergleicht die folgende Matrix weniger einzelne Gesetze als die programmatische Grundrichtung: Soll stärker umverteilt oder stärker entlastet werden? Soll der Sozialstaat ausgebaut oder stärker auf Eigenverantwortung und Arbeitsanreize ausgerichtet werden? Wie stark werden Arbeitnehmerrechte und Gewerkschaften betont? Und welche Bedeutung besitzt das Leistungsprinzip?
Zwischen sozialer Absicherung und Leistungsprinzip
Bemerkenswert ist zunächst, dass sich die grundsätzliche Frage über die Jahrzehnte kaum verändert hat. Nahezu alle Parteien verbinden soziale Sicherung in irgendeiner Form mit der Vorstellung, dass Erwerbsarbeit die wirtschaftliche Grundlage des Sozialstaates bildet. Sehr unterschiedlich fällt jedoch aus, welches Gewicht beiden Seiten gegeben wird.
Die Programme unterscheiden sich deshalb weniger bei der abstrakten Frage, ob es einen Sozialstaat geben soll, sondern bei seiner Ausgestaltung. Während einige Programme stärker auf öffentliche Absicherung, Umverteilung und Arbeitnehmerrechte setzen, betonen andere Eigenverantwortung, Beitragsbegrenzung und den finanziellen Abstand zwischen Erwerbsarbeit und Transferleistungen.
2025 ist diese Auseinandersetzung besonders deutlich. CDU/CSU sprechen von einer „Agenda für die Fleißigen“ und wollen das Bürgergeld durch eine neue Grundsicherung ersetzen. Die FDP formuliert ausdrücklich das Ziel „Arbeit statt Bürgergeld“ und schlägt eine Zusammenführung steuerfinanzierter Sozialleistungen nach dem Prinzip einer negativen Einkommensteuer vor. Die SPD setzt dagegen einen Schwerpunkt auf höhere Löhne, stärkere Tarifbindung und einen Mindestlohn von 15 Euro.
Das Interessante an der Langzeitbetrachtung ist nun, welche dieser Grundgedanken bereits in den Programmen von 1983 und 1990 auftauchen – und welche politischen Instrumente erst später hinzukommen.
Steuern als Ausdruck unterschiedlicher Staatsvorstellungen
Ähnliches gilt für die Steuerpolitik. Die bloße Forderung nach einer Steuersenkung sagt zunächst wenig darüber aus, wer entlastet werden soll. Ebenso wenig bedeutet die Forderung nach höheren Steuern automatisch, dass sämtliche Einkommen stärker belastet werden sollen.
So verbindet die SPD 2025 ausdrücklich die Entlastung von rund 95 Prozent der Einkommensteuerpflichtigen mit einer stärkeren Beteiligung hoher Einkommen und Vermögen. CDU/CSU und FDP wollen dagegen unter anderem den Einkommensteuertarif abflachen und die Grenze für den Spitzensteuersatz anheben; die FDP fordert zusätzlich die vollständige Abschaffung des Solidaritätszuschlags.
Für den historischen Vergleich ist deshalb nicht allein interessant, ob eine Partei „Steuersenkungen“ oder „Steuererhöhungen“ fordert. Entscheidend ist, welches Verständnis von Leistung, Verteilung und staatlicher Finanzierung dahintersteht.
Arbeit zwischen Schutz und Flexibilität
Ein dritter Bereich betrifft die Stellung des Arbeitnehmers. Hier treffen unterschiedliche Vorstellungen besonders unmittelbar aufeinander: Soll der Staat stärker in Lohnfindung und Arbeitsbedingungen eingreifen? Welche Bedeutung besitzen Tarifautonomie und Gewerkschaften? Soll Arbeitszeit stärker reguliert oder flexibilisiert werden? Und wie weit soll der Staat dafür sorgen, dass Erwerbsarbeit gegenüber dem Bezug staatlicher Leistungen finanziell attraktiver bleibt?
Auch dabei sind historische Begriffe nicht immer unmittelbar vergleichbar. Ein Programm von 1983 konnte keinen gesetzlichen Mindestlohn in seiner heutigen Form bewerten, wenn dieser damals politisch noch nicht dieselbe Funktion besaß. Eine fehlende Forderung darf deshalb nicht nachträglich als Ablehnung gewertet werden.
Die folgende Übersicht bildet aus diesem Grund keine einzelnen Gesetzesvorhaben ab. Sie versucht vielmehr, die dahinterliegenden programmatischen Richtungen vergleichbar zu machen.
Vergleichsmatrix: Steuern, Sozialstaat und Arbeit
| Politische Position | CDU 1983 | CDU 1990 | CDU 2009 | CDU 2025 | SPD 1983 | SPD 1990 | SPD 2009 | SPD 2025 | Grüne 1983 | Grüne 1990 | Grüne 2009 | Grüne 2025 | FDP 1983 | FDP 1990 | FDP 2009 | FDP 2025 | AfD 2025 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Entlastung niedriger und mittlerer Einkommen | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● |
| Stärkere Besteuerung hoher Einkommen | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ |
| Stärkere Besteuerung großer Vermögen | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ |
| Steuerliche Entlastung von Unternehmen | ● | ● | ● | ● | ○ | ○ | ◐ | ◐ | ✕ | ○ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● |
| Ausbau staatlicher Sozialleistungen | ◐ | ◐ | ◐ | ○ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ○ | ○ | ○ | ✕ | ○ |
| Begrenzung bzw. stärkere Konditionierung von Sozialleistungen | ◐ | ◐ | ● | ● | ✕ | ✕ | ◐ | ○ | ✕ | ✕ | ○ | ✕ | ◐ | ● | ● | ● | ● |
| Leistungsprinzip / finanzieller Abstand zwischen Arbeit und Transfer | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ● | ◐ | ○ | ○ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● |
| Stärkere Eigenverantwortung in der sozialen Sicherung | ● | ● | ● | ● | ○ | ○ | ◐ | ○ | ✕ | ✕ | ○ | ○ | ● | ● | ● | ● | ● |
| Stärkung von Gewerkschaften und Tarifbindung | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ○ | ○ | ○ |
| Staatliche Vorgaben für Mindestlöhne | — | — | ✕ | ◐ | — | — | ● | ● | — | — | ● | ● | — | — | ✕ | ◐ | ● |
| Arbeitszeitverkürzung als politisches Ziel | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ● | ● | ◐ | ○ | ● | ● | ◐ | ○ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ |
| Flexibilisierung von Arbeitszeit und Arbeitsmarkt | ◐ | ● | ● | ● | ○ | ○ | ◐ | ◐ | ✕ | ✕ | ○ | ○ | ● | ● | ● | ● | ● |
| Stärkere private bzw. kapitalgedeckte Altersvorsorge | ○ | ◐ | ● | ● | — | ○ | ◐ | ◐ | ✕ | ✕ | ○ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ◐ |
Familie, Gesellschaft und gesellschaftliches Leitbild
Nur wenige Politikfelder zeigen den Abstand zwischen 1983 und 2025 so unmittelbar wie die Vorstellungen von Familie, Partnerschaft und gesellschaftlichem Zusammenleben. Dabei haben sich nicht nur politische Forderungen verändert. Teilweise hat sich bereits die Sprache gewandelt, mit der über diese Fragen gesprochen wird.
1983 war die Ehe zwischen Mann und Frau für große Teile des Parteienspektrums der selbstverständliche Bezugspunkt der Familienpolitik. Die politischen Unterschiede lagen vor allem darin, welche Rolle Frauen in Familie und Beruf einnehmen sollten, wie Kinderbetreuung organisiert werden sollte und wie weit der Staat die tatsächliche Gleichstellung von Männern und Frauen fördern sollte.
Schon damals verliefen jedoch deutliche Konfliktlinien. CDU und CSU betonten Familie und Ehe besonders stark als Fundament der Gesellschaft. SPD und FDP verbanden Familienpolitik stärker mit der zunehmenden Erwerbstätigkeit von Frauen und der Forderung nach Gleichberechtigung. Die jungen Grünen stellten traditionelle Rollenbilder wesentlich grundsätzlicher infrage und verstanden unterschiedliche Formen des Zusammenlebens bereits früh als Teil individueller Selbstbestimmung. Vier Jahrzehnte später wird über viele dieser Fragen unter anderen Voraussetzungen gesprochen.
Von der Hausfrauenehe zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Besonders deutlich ist die Veränderung bei der Erwerbstätigkeit von Frauen. 1983 war die Vorstellung, dass ein Elternteil – in der Praxis meist die Mutter – zumindest für einen längeren Zeitraum die Betreuung der Kinder übernimmt, gesellschaftlich wesentlich stärker verankert als heute. Das bedeutete allerdings nicht, dass sämtliche Parteien Frauen auf die Rolle als Hausfrau festlegen wollten. Die Forderung nach besseren beruflichen Möglichkeiten für Frauen und nach einer gerechteren Verteilung familiärer Aufgaben war bereits damals ein politisches Thema.
Über die folgenden Jahrzehnte verschob sich jedoch der Schwerpunkt. 2009 gehörten Elterngeld, Kinderbetreuung und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bereits selbstverständlich zur bundespolitischen Debatte. Die SPD formulierte Gleichstellung ausdrücklich als politische Querschnittsaufgabe und wollte eingetragene gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften rechtlich weiter der Ehe angleichen.
2025 findet sich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf praktisch im gesamten Parteienspektrum. Selbst dort, wo ein traditionelleres Familienbild vertreten wird, besteht kaum noch die Vorstellung, Frauen sollten grundsätzlich auf Erwerbsarbeit verzichten.
Die eigentliche Konfliktlinie hat sich damit verschoben. Es geht weniger darum, ob Frauen berufstätig sein sollen, sondern stärker darum, wie Kinderbetreuung organisiert wird, wie Eltern Erwerbs- und Familienarbeit aufteilen und in welchem Umfang der Staat bestimmte Familienmodelle fördern soll. Familie bleibt wichtig – aber ihre Definition verändert sich
Auch der Familienbegriff selbst hat sich verändert.
Für CDU und CSU besitzt Familie weiterhin einen besonders hohen programmatischen Stellenwert. Das Programm von 2025 verbindet Familienförderung allerdings ausdrücklich mit Elternzeit, Elterngeld, Kinderbetreuung und der Möglichkeit, Familienleben individuell zu organisieren. Gleichzeitig hält die Union an einem stärker konservativen gesellschaftspolitischen Verständnis fest, etwa beim Schwangerschaftsabbruch oder beim Umgang mit dem Selbstbestimmungsgesetz.
SPD und Grüne verwenden einen weiter gefassten Familienbegriff. Entscheidend ist dort zunehmend weniger die konkrete rechtliche oder traditionelle Form des Zusammenlebens als die Übernahme gegenseitiger Verantwortung. Bei der SPD gehört dazu 2025 beispielsweise ausdrücklich die partnerschaftliche Aufteilung der Familienarbeit.
Die FDP folgt wiederum einer liberalen Logik: Der Staat soll grundsätzlich weniger darüber entscheiden, welche private Lebensform als gesellschaftliches Leitbild gilt.
Damit ist aus einer früher stark am klassischen Familienmodell orientierten Diskussion zunehmend eine Auseinandersetzung über Wahlfreiheit, Gleichstellung und staatliche Neutralität gegenüber unterschiedlichen Lebensformen geworden.
Gleichstellung verändert ihre Bedeutung
Besonders interessant ist der Begriff der Gleichstellung. 1983 bestand ein erheblicher Teil der politischen Auseinandersetzung noch darin, formale Gleichberechtigung tatsächlich im Alltag durchzusetzen. Berufliche Chancen, Bezahlung, Rentenansprüche, Familienrecht und die Aufteilung familiärer Aufgaben spielten dabei eine wichtige Rolle.
2009 ging die Debatte bereits erheblich weiter. Die SPD wollte Gleichstellungspolitik ausdrücklich als Querschnittsaufgabe behandeln und aktive Frauenförderung fortsetzen. Auch bei Grünen und Teilen der übrigen Parteien waren inzwischen politische Instrumente zur tatsächlichen Gleichstellung stärker etabliert.
2025 besteht der grundsätzliche Anspruch gleicher Rechte für Männer und Frauen praktisch parteiübergreifend. Umstritten sind stärker die Mittel. Soll der Staat Quoten vorgeben? Soll Gleichstellung lediglich rechtliche Gleichbehandlung bedeuten oder auch unterschiedliche gesellschaftliche Ergebnisse politisch korrigieren? Wie weit darf Antidiskriminierungsrecht gehen? Und welche Rolle sollen Geschlecht und geschlechtliche Identität überhaupt noch für staatliche Regelungen spielen?
Damit können Parteien gleichzeitig für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen eintreten und bei konkreten Instrumenten vollkommen gegensätzliche Positionen vertreten.
Schwangerschaftsabbruch als langfristige Konfliktlinie
Eine der wenigen gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen, die sich über den gesamten Zeitraum relativ gut verfolgen lässt, betrifft den Schwangerschaftsabbruch.
Auch hier haben sich Rechtslage und gesellschaftliche Diskussion verändert. Die grundlegende Konfliktlinie zwischen dem Selbstbestimmungsrecht der Frau und dem staatlichen Schutz ungeborenen Lebens blieb jedoch bestehen.
CDU und CSU gewichten den Schutz des ungeborenen Lebens traditionell stärker und halten 2025 ausdrücklich an der bestehenden Regelung des Paragraphen 218 fest. Das aktuelle Programm bezeichnet sie als gesellschaftlichen Kompromiss zwischen dem Selbstbestimmungsrecht der Frau und dem Schutz des ungeborenen Kindes.
SPD und insbesondere Grüne setzen stärker auf das Selbstbestimmungsrecht der Frau und haben über die Jahrzehnte weitergehende Liberalisierungen vertreten. Auch hier zeigt der historische Vergleich, dass sich nicht jede politische Konfliktlinie einfach aufgelöst hat. Manche haben lediglich ihre konkrete Form verändert.
Neue Fragen entstehen, alte verschwinden
Andere heutige gesellschaftspolitische Themen lassen sich dagegen überhaupt nicht sinnvoll bis 1983 zurückverfolgen. Die rechtliche Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ist ein gutes Beispiel. 1983 spielte die heutige Debatte über Ehe und Lebenspartnerschaft in den Bundestagswahlprogrammen nicht annähernd dieselbe Rolle. Ein fehlender Programmpunkt darf deshalb nicht automatisch als ausdrückliche Ablehnung interpretiert werden.
Noch deutlicher gilt das für aktuelle Fragen zur rechtlichen Änderung des Geschlechtseintrags oder zum Selbstbestimmungsgesetz. Die heutige Auseinandersetzung besitzt kein wirkliches Gegenstück in den Bundestagswahlprogrammen der frühen achtziger Jahre.
Gerade an solchen Stellen ist der Gedankenstrich in den Tabellen wichtig. Er bedeutet nicht: Die Partei war dagegen. Er bedeutet: Diese heutige Frage lässt sich aus dem damaligen Programm nicht seriös beantworten.
Vergleichsmatrix: Familie, Gesellschaft und gesellschaftliches Leitbild
| Politische Position | CDU 1983 | CDU 1990 | CDU 2009 | CDU 2025 | SPD 1983 | SPD 1990 | SPD 2009 | SPD 2025 | Grüne 1983 | Grüne 1990 | Grüne 2009 | Grüne 2025 | FDP 1983 | FDP 1990 | FDP 2009 | FDP 2025 | AfD 2025 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Ehe und Familie als besonders hervorgehobenes gesellschaftliches Leitbild | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ✕ | ✕ | ○ | ○ | ◐ | ◐ | ○ | ○ | ● |
| Traditionelle Rollenverteilung in der Familie | ◐ | ◐ | ○ | ○ | ○ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ○ | ○ | ✕ | ✕ | ● |
| Vereinbarkeit von Familie und Beruf als zentrales politisches Ziel | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ |
| Ausbau staatlich unterstützter Kinderbetreuung | ○ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ● | ● | ◐ |
| Aktive staatliche Gleichstellungspolitik | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ○ |
| Frauenförderung bzw. verbindliche Quoten als politisches Instrument | ○ | ○ | ○ | ○ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ○ | ○ | ✕ | ✕ | ✕ |
| Gleichwertige Anerkennung unterschiedlicher Lebens- und Familienformen | ○ | ○ | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ○ |
| Gesellschaftspolitischer Liberalismus und starke Betonung privater Selbstbestimmung | ○ | ○ | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ○ |
| Starke Betonung des Schutzes ungeborenen Lebens | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ◐ | ○ | ○ | ○ | ○ | ○ | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ● |
| Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ✕ |
| Rechtliche Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften | — | — | ○ | ◐ | — | ○ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ○ | ◐ | ● | ● | ✕ |
| Ausbau staatlicher Antidiskriminierungspolitik | — | ○ | ◐ | ◐ | ○ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ✕ |
Migration, Asyl, Staatsangehörigkeit und Integration
Kaum ein anderes Politikfeld verlangt bei einem Vergleich über mehr als vier Jahrzehnte so viel historischen Kontext wie Migration und Asyl. Das liegt nicht nur daran, dass sich die politischen Positionen verändert haben. Auch die rechtlichen Grundlagen, die Größenordnungen der Zuwanderung und teilweise sogar die Begriffe, mit denen darüber gesprochen wird, sind heute andere als 1983 oder 1990.
Anfang der achtziger Jahre war die Bundesrepublik bereits seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland, auch wenn sie sich politisch lange nicht als solches verstand. Millionen ausländische Arbeitnehmer waren seit den fünfziger und sechziger Jahren im Rahmen der sogenannten Gastarbeiteranwerbung nach Deutschland gekommen. Nach dem Anwerbestopp von 1973 verlagerte sich die Diskussion zunehmend auf Familiennachzug, Integration und die Frage, ob aus ursprünglich vorübergehend gedachten Aufenthalten eine dauerhafte Einwanderung geworden war.
Gerade dieser Punkt ist für den historischen Vergleich wichtig. Die damalige politische Auseinandersetzung war nicht identisch mit der heutigen Debatte über Fachkräfteeinwanderung, Fluchtmigration über die europäischen Außengrenzen oder den Umgang mit abgelehnten Asylbewerbern. Trotzdem finden sich bereits damals Konfliktlinien, die bis heute erkennbar geblieben sind.
Deutschland als Einwanderungsland – oder gerade nicht?
Eine der auffälligsten Veränderungen betrifft schon die Beschreibung der Realität. CDU und CSU hielten lange an der Vorstellung fest, Deutschland sei kein klassisches Einwanderungsland. Zuwanderung sollte begrenzt und insbesondere die Integration der bereits dauerhaft in Deutschland lebenden Ausländer verbessert werden.
SPD und Grüne bewegten sich früher in Richtung eines ausdrücklichen Verständnisses Deutschlands als Einwanderungsgesellschaft. Besonders deutlich ist diese Entwicklung 2009 zu erkennen. Das damalige SPD-Regierungsprogramm formulierte ohne Umschweife: „Deutschland ist ein Einwanderungsland.“ Gleichzeitig sollte qualifizierte Einwanderung besser ermöglicht und gesteuert werden.
Auch bei CDU und CSU hatte sich die Sprache bis dahin verändert. Das Regierungsprogramm von 2009 bezeichnete Deutschland zwar als „Integrationsland“, verband dies aber weiterhin ausdrücklich mit der „Begrenzung und Steuerung der Zuwanderung“. Gute Deutschkenntnisse und erfolgreiche Integrationskurse wurden als zentrale Voraussetzungen hervorgehoben.
Damit zeigt gerade 2009 einen interessanten Zwischenstand: Die dauerhafte Einwanderungsrealität wurde im etablierten Parteienspektrum zunehmend anerkannt, aber sehr unterschiedlich politisch interpretiert.
Asyl ist nicht dasselbe wie Einwanderung
Für einen sauberen Vergleich muss außerdem zwischen verschiedenen Formen der Migration unterschieden werden. Asyl ist ein Schutzrecht für politisch Verfolgte. Arbeits- und Fachkräfteeinwanderung folgt dagegen wirtschaftlichen beziehungsweise migrationspolitischen Regeln. Familiennachzug wiederum hängt mit bereits bestehenden Aufenthaltsrechten zusammen.
In politischen Diskussionen werden diese Bereiche häufig miteinander vermischt. Für die Programmanalyse wäre das problematisch. Eine Partei kann gleichzeitig qualifizierte Arbeitsmigration ausdrücklich fördern und eine wesentlich restriktivere Asylpolitik verlangen. Sie kann Familiennachzug begrenzen und trotzdem Einwanderung von Fachkräften erleichtern. Ebenso kann eine großzügige Einbürgerungspolitik mit hohen Anforderungen an Sprache und Integration verbunden werden.
Deshalb trennt die folgende Matrix diese einzelnen Dimensionen möglichst konsequent voneinander.
1990 liegt noch vor dem Asylkompromiss
Besonders wichtig ist der historische Zeitpunkt 1990. Das damalige Grundrecht auf Asyl unterschied sich erheblich von der späteren Regelung. Erst 1992/93 einigten sich CDU/CSU, FDP und SPD auf den sogenannten Asylkompromiss. Mit der Änderung des Grundgesetzes und der Einführung des Prinzips sicherer Drittstaaten wurde das deutsche Asylrecht grundlegend verändert.
Die Wahlprogramme von 1990 entstanden noch vor dieser Zäsur. Eine restriktive oder liberale Position aus dem Jahr 1990 darf deshalb nicht so gelesen werden, als hätte die Partei bereits über das Asylsystem des Jahres 2025 gesprochen. Der rechtliche Ausgangspunkt war ein anderer.
Das gilt umgekehrt auch für heutige Forderungen nach Zurückweisungen an Grenzen, europäischen Asylverfahren oder Verfahren außerhalb der Europäischen Union. Viele dieser Instrumente besitzen kein unmittelbares historisches Gegenstück.
Staatsangehörigkeit wird zu einer eigenen Konfliktlinie
Noch deutlicher lässt sich der Wandel beim Staatsangehörigkeitsrecht verfolgen. Traditionell beruhte das deutsche Staatsangehörigkeitsrecht stark auf dem Abstammungsprinzip. Wer deutsche Eltern hatte, erhielt grundsätzlich die deutsche Staatsangehörigkeit. Dass jemand in Deutschland geboren wurde und hier dauerhaft lebte, führte dagegen nicht automatisch zur Staatsangehörigkeit.
Unter der rot-grünen Bundesregierung wurde dieses System ab 2000 wesentlich verändert und um Elemente des Geburtsortsprinzips ergänzt. 2009 waren die daraus entstandenen Konflikte weiterhin deutlich sichtbar. Die SPD wollte den Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit weiter erleichtern und doppelte Staatsbürgerschaften akzeptieren. Ihr Regierungsprogramm formulierte ausdrücklich, Menschen sollten sich sowohl mit dem Herkunftsland als auch mit Deutschland identifizieren können.
2025 ist die Auseinandersetzung noch einmal weitergezogen. Die SPD verteidigt die erleichterte Einbürgerung und beschreibt Deutschland ausdrücklich als moderne Einwanderungsgesellschaft. CDU und CSU setzen dagegen wieder stärker auf Begrenzung der Migration und wollen Teile der jüngsten Liberalisierungen des Staatsangehörigkeitsrechts rückgängig machen. Gleichzeitig unterscheiden sie weiterhin zwischen erwünschter Fachkräfteeinwanderung und irregulärer beziehungsweise humanitärer Migration.
Damit kann eine Partei in derselben Tabelle sowohl eine starke Begrenzung bei einer Form von Migration als auch eine Öffnung bei einer anderen aufweisen.
Integration zwischen Förderung und Verpflichtung
Auch beim Begriff Integration gibt es mehr Gemeinsamkeiten, als manche politische Debatte vermuten lässt. Fast alle Parteien verbinden Integration irgendwann mit Sprache, Bildung, Erwerbsarbeit und gesellschaftlicher Teilhabe. Unterschiedlich ist jedoch, wie stark Förderung oder Verpflichtung betont werden.
CDU und CSU stellen traditionell stärker Anforderungen an Sprache, Rechtsordnung und gesellschaftliche Integration heraus. 2009 bezeichnete die Union gute Deutschkenntnisse ausdrücklich als Grundvoraussetzung erfolgreicher Integration.
Die SPD beschrieb Integration im gleichen Jahr stärker als gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Leben. Gleichzeitig bezeichnete auch sie den Spracherwerb als erste und wichtigste Voraussetzung.
Das ist ein gutes Beispiel dafür, weshalb die Tabellen nicht einfach zwischen „für Integration“ und „gegen Integration“ unterscheiden können. Der Unterschied liegt eher darin, was unter Integration verstanden wird und welche Seite stärker in die Pflicht genommen wird: der Einwanderer, der Staat oder beide.
2025 ist Migration wieder eine zentrale Trennlinie
Bis 2025 hat sich die politische Lage erneut erheblich verändert. Die hohe Fluchtmigration seit 2015, die europäische Asylkrise, der Krieg in der Ukraine, steigende Flüchtlingszahlen in verschiedenen Jahren und die politische Auseinandersetzung über irreguläre Migration haben das Thema wesentlich stärker in das Zentrum der deutschen Politik gerückt.
CDU und CSU fordern 2025 ausdrücklich eine „grundsätzliche Wende in der Migrationspolitik“. Dazu gehören Zurückweisungen an deutschen Grenzen, beschleunigte Rückführungen, Einschränkungen beim Familiennachzug und eine Begrenzung humanitärer Aufnahme.
SPD und Grüne halten stärker am Selbstverständnis Deutschlands als Einwanderungsland fest und betonen legale Migration, Integration und erleichterte gesellschaftliche Teilhabe. Die FDP verbindet wirtschaftlich gewünschte Einwanderung mit stärkerer Steuerung und einer restriktiveren Behandlung irregulärer Migration.
Mit der AfD tritt 2025 zusätzlich eine Partei an, die Begrenzung, Rückführung und nationale Kontrolle der Migration wesentlich stärker in den Mittelpunkt ihres Programms stellt als die übrigen Parteien.
Gerade die vier historischen Messpunkte helfen deshalb, eine häufig zu einfache Vorstellung zu vermeiden. Migration ist nicht nur eine Linie zwischen „offen“ und „geschlossen“. Arbeitsmigration, Asyl, Familiennachzug, Staatsangehörigkeit und Integration können sich innerhalb derselben Partei vollkommen unterschiedlich entwickeln.
Vergleichsmatrix: Migration, Asyl, Staatsangehörigkeit und Integration
| Politische Position | CDU 1983 | CDU 1990 | CDU 2009 | CDU 2025 | SPD 1983 | SPD 1990 | SPD 2009 | SPD 2025 | Grüne 1983 | Grüne 1990 | Grüne 2009 | Grüne 2025 | FDP 1983 | FDP 1990 | FDP 2009 | FDP 2025 | AfD 2025 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Begrenzung der Zuwanderung als ausdrückliches politisches Ziel | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ○ | ◐ | ✕ | ✕ | ✕ | ○ | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ● |
| Deutschland ausdrücklich als Einwanderungsland verstanden | ✕ | ✕ | ○ | ◐ | ○ | ◐ | ● | ● | ◐ | ● | ● | ● | ○ | ◐ | ● | ● | ✕ |
| Förderung gezielter Arbeits- und Fachkräfteeinwanderung | ○ | ○ | ● | ● | ○ | ◐ | ● | ● | ◐ | ◐ | ● | ● | ◐ | ● | ● | ● | ◐ |
| Weitreichender Schutz des individuellen Asylrechts | ◐ | ◐ | ◐ | ○ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ | ○ |
| Begrenzung bzw. Verschärfung des Asylzugangs | ● | ● | ◐ | ● | ✕ | ✕ | ○ | ◐ | ✕ | ✕ | ✕ | ○ | ○ | ◐ | ◐ | ● | ● |
| Konsequente Rückführung nach abgelehntem Asylverfahren | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ○ | ○ | ○ | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● |
| Großzügiger Familiennachzug | ○ | ○ | ○ | ✕ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ✕ |
| Erleichterung der Einbürgerung | ✕ | ✕ | ○ | ✕ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ○ | ◐ | ◐ | ◐ | ✕ |
| Akzeptanz doppelter bzw. mehrfacher Staatsangehörigkeit | ✕ | ✕ | ○ | ✕ | ○ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ○ | ○ | ◐ | ◐ | ✕ |
| Spracherwerb und aktive Integrationsleistungen ausdrücklich eingefordert | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ● | ● | ◐ | ◐ | ● | ● | ◐ | ● | ● | ● | ● |
| Kulturelle Anpassung bzw. gemeinsames gesellschaftliches Leitbild stark betont | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ○ | ○ | ○ | ○ | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ● |
| Kommunales Wahlrecht für dauerhaft ansässige Nicht-EU-Ausländer | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ○ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ○ | ○ | ◐ | ◐ | ✕ |
| Europäische Verteilung und gemeinsame europäische Asylpolitik | — | — | ● | ◐ | — | — | ● | ● | — | — | ● | ● | — | — | ● | ● | ○ |
Staat, innere Sicherheit und Bürgerrechte: Wie viel Macht braucht der Staat?
Das Verhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit gehört zu den ältesten Konfliktlinien demokratischer Politik. Ein Staat muss seine Bürger vor Gewalt, Kriminalität und Angriffen auf die demokratische Ordnung schützen. Gleichzeitig besitzt gerade dieser Staat Polizei, Nachrichtendienste, Strafrecht und zunehmend auch technische Möglichkeiten zur Überwachung seiner Bürger.
Wo die richtige Grenze verläuft, wurde 1983 unter anderen Voraussetzungen diskutiert als 2025. Die Bundesrepublik der frühen achtziger Jahre war geprägt von den Erfahrungen mit dem Terrorismus der RAF, den sicherheitspolitischen Auseinandersetzungen der siebziger Jahre und einer intensiven Diskussion über Datenschutz, Berufsverbote, Demonstrationsrecht und staatliche Überwachung. Gleichzeitig entstanden mit den neuen sozialen Bewegungen Vorstellungen von Bürgerbeteiligung und direkter Demokratie, die teilweise weit über das damals bestehende parlamentarische System hinausgingen.
Mehr als vier Jahrzehnte später sind viele der damaligen Grundfragen noch vorhanden. Die technischen Voraussetzungen haben sich jedoch grundlegend verändert. Videoüberwachung, biometrische Verfahren, digitale Kommunikationsdaten, künstliche Intelligenz und internationale Datennetze eröffnen dem Staat Möglichkeiten, die 1983 kaum vorstellbar waren. Gleichzeitig haben internationaler Terrorismus, organisierte Kriminalität, Cyberangriffe und extremistische Netzwerke das Verständnis innerer Sicherheit verändert.
Umso interessanter ist die Frage, welche Grundhaltung in den jeweiligen Wahlprogrammen erkennbar wird.
Sicherheit und Freiheit sind keine einfachen Gegensätze
Eine Gegenüberstellung muss dabei einen verbreiteten Kurzschluss vermeiden. Eine Partei, die eine starke Polizei fordert, ist deshalb nicht automatisch gegen Bürgerrechte. Umgekehrt bedeutet eine starke Betonung von Datenschutz und Freiheitsrechten nicht zwangsläufig, dass staatliche Sicherheitsorgane grundsätzlich geschwächt werden sollen.
Diese Verbindung zeigt sich auch in den Programmen von 2025. CDU und CSU wollen unter anderem Sicherheitsbehörden stärken und ihnen zusätzliche technische und rechtliche Möglichkeiten geben. Bündnis 90/Die Grünen verbinden ebenfalls den Anspruch eines handlungsfähigen Rechtsstaates mit einer ausdrücklichen Betonung der Grund- und Menschenrechte. Die FDP legt traditionell besonderes Gewicht auf Bürgerrechte und Datenschutz, fordert zugleich aber funktionsfähige Polizei- und Sicherheitsbehörden.
Die Unterschiede liegen deshalb häufig weniger in einem abstrakten Bekenntnis zu Freiheit oder Sicherheit als darin, welche Eingriffe der Staat vornehmen darf, wie stark diese kontrolliert werden sollen und welches Gewicht im Zweifelsfall den Rechten des einzelnen Bürgers zukommt.
Von der Volkszählung zur digitalen Überwachung
Besonders deutlich wird der historische Abstand beim Datenschutz. 1983 war Datenschutz bereits ein großes politisches Thema. Im selben Jahr löste die geplante Volkszählung eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung aus, die schließlich zum berühmten Volkszählungsurteil des Bundesverfassungsgerichts und zur Entwicklung des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung führte. Die damalige Diskussion betraf Papierfragebögen und staatliche Datenbestände. Heute geht es um digitale Kommunikation, Standortdaten, Gesichtserkennung, automatisierte Auswertung großer Datenmengen und den Zugang von Sicherheitsbehörden zu verschlüsselter Kommunikation.
Die technische Dimension hat sich verändert. Die politische Grundfrage ist geblieben: Was darf der Staat über seine Bürger wissen?
Deshalb vergleicht die folgende Matrix nicht einzelne technische Instrumente. Ein Programm von 1983 konnte schließlich keine Position zur heutigen Gesichtserkennung oder zur Auswertung moderner Messenger-Dienste enthalten. Entscheidend ist vielmehr die erkennbare Grundrichtung gegenüber staatlicher Überwachung, Datenschutz und dem Verhältnis zwischen Bürger und Sicherheitsapparat.
Direkte Demokratie als zweite Entwicklungslinie
Eine zweite interessante Langzeitentwicklung betrifft die Frage, wie Bürger politische Entscheidungen beeinflussen sollen.
Die Grünen brachten Anfang der achtziger Jahre ein ausgesprochen basisdemokratisches Selbstverständnis in die bundesdeutsche Parteienlandschaft ein. Ihr Wahlaufruf zur Bundestagswahl 1983 ist im Archiv der Heinrich-Böll-Stiftung erhalten; dort stehen außerdem das Programm von 1990 und weitere historische Programmdokumente zur Verfügung.
Heute finden sich Forderungen nach Volksabstimmungen oder anderen Formen direkter Demokratie nicht ausschließlich bei Parteien, die aus dieser Tradition hervorgegangen sind. Besonders die AfD stellt Volksentscheide und die Vorstellung des Volkes als unmittelbaren Souverän in ihrem Programm von 2025 deutlich heraus.
Gerade hier lässt sich deshalb gut beobachten, wie ein politisches Instrument über Jahrzehnte hinweg seine parteipolitische Zuordnung verändern kann, ohne dass die Parteien, die es fordern, deshalb insgesamt ähnliche politische Vorstellungen besitzen müssen.
Vergleichsmatrix: Staat, innere Sicherheit, Bürgerrechte und Demokratie
| Politische Position | CDU 1983 | CDU 1990 | CDU 2009 | CDU 2025 | SPD 1983 | SPD 1990 | SPD 2009 | SPD 2025 | Grüne 1983 | Grüne 1990 | Grüne 2009 | Grüne 2025 | FDP 1983 | FDP 1990 | FDP 2009 | FDP 2025 | AfD 2025 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Stärkung von Polizei und Sicherheitsbehörden | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ● | ● | ✕ | ○ | ◐ | ● | ◐ | ◐ | ● | ● | ● |
| Ausweitung staatlicher Ermittlungs- und Überwachungsbefugnisse | ● | ◐ | ◐ | ● | ○ | ○ | ◐ | ◐ | ✕ | ✕ | ✕ | ○ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ◐ |
| Datenschutz und informationelle Selbstbestimmung | ○ | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● |
| Begrenzung staatlicher Überwachung | ○ | ○ | ○ | ○ | ◐ | ◐ | ● | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● |
| Starke Betonung individueller Bürger- und Freiheitsrechte | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● |
| Weitreichender Schutz von Demonstrations- und Protestrechten | ○ | ○ | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ |
| Starker Schutz der Meinungsfreiheit gegenüber staatlichen Eingriffen | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● |
| Bekämpfung politischer Extremismen durch staatliche Stellen | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ○ | ◐ | ● | ● | ◐ | ◐ | ● | ● | ◐ |
| Stärkere parlamentarische und gerichtliche Kontrolle der Sicherheitsbehörden | ○ | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ |
| Volksentscheide und direkte Demokratie auf Bundesebene | — | — | ○ | ○ | ○ | ◐ | ● | ◐ | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ◐ | ● |
| Stärkere Bürgerbeteiligung jenseits parlamentarischer Wahlen | ○ | ○ | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● |
| Begrenzung staatlicher Eingriffe in die persönliche Lebensführung | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● |
Bildung, Wissenschaft und kulturelle Fragen
Bildungspolitik gehört zu den Bereichen, bei denen politische Unterschiede häufig weniger an den allgemeinen Zielen als an der Frage sichtbar werden, wie diese Ziele erreicht werden sollen. Kaum eine Partei tritt gegen gute Schulen, qualifizierte Lehrer, leistungsfähige Hochschulen oder bessere berufliche Bildung ein. Die Unterschiede beginnen bei Schulstrukturen, Leistungsanforderungen, Zuständigkeiten, Gebühren und der Rolle des Staates.
Auch der historische Vergleich verlangt Vorsicht. Die Bildungslandschaft von 1983 war eine andere als die von 2025. Ganztagsschulen waren wesentlich weniger verbreitet, Digitalisierung spielte keine Rolle, der Bologna-Prozess mit Bachelor- und Masterabschlüssen existierte noch nicht und die Diskussion über bundesweite Bildungsstandards hatte eine andere Bedeutung. Trotzdem lassen sich einige Grundfragen erstaunlich gut über die Jahrzehnte verfolgen.
Leistung und Chancengleichheit
Eine dieser Konfliktlinien betrifft das Verhältnis zwischen Leistung und Chancengleichheit. CDU und FDP betonen traditionell stärker Leistungsanforderungen, unterschiedliche Bildungswege und die Eigenständigkeit von Schulen und Hochschulen. Die Union stellt auch 2025 ausdrücklich „Lernfreude, Anstrengung und Leistung“ in den Mittelpunkt und fordert verbindliche Sprachtests vor der Einschulung.
SPD und Grüne legen stärkeres Gewicht darauf, den Bildungserfolg von der sozialen Herkunft zu entkoppeln. Daraus ergeben sich Forderungen nach früher Förderung, Ganztagsangeboten, besserer finanzieller Ausstattung benachteiligter Schulen und einem leichteren Zugang zu höheren Bildungsabschlüssen.
Der Gegensatz ist allerdings weniger eindeutig, als solche Kurzbeschreibungen vermuten lassen. Auch SPD und Grüne verlangen Leistungsfähigkeit des Bildungssystems, während CDU und FDP Chancengerechtigkeit ausdrücklich als Ziel nennen. Die Unterschiede liegen eher darin, welche Ursachen für ungleiche Bildungschancen angenommen und welche staatlichen Instrumente daraus abgeleitet werden.
Die Schulstruktur bleibt eine alte Konfliktlinie
Deutlicher ist die historische Trennung bei der Organisation der Schulen. SPD und insbesondere Grüne standen integrierten Schulformen traditionell offener gegenüber. CDU und CSU verteidigten stärker das gegliederte Schulwesen und unterschiedliche Schulabschlüsse. Auch die FDP setzte stärker auf Differenzierung, Wahlmöglichkeiten und Wettbewerb als auf eine einheitliche Schulform.
Diese Auseinandersetzung hat im Laufe der Jahrzehnte an Schärfe verloren. Gemeinschafts-, Gesamt- und andere integrierte Schulformen sind inzwischen Teil vieler Landesbildungssysteme, während gleichzeitig Gymnasium, Realschule und andere differenzierte Wege fortbestehen.
Damit zeigt sich auch hier ein wiederkehrendes Muster dieses Artikels: Was früher als grundlegende Systemfrage diskutiert wurde, kann Jahrzehnte später teilweise nebeneinander existieren.
2009 wird der Bund wichtiger
Besonders interessant ist die Zwischenaufnahme von 2009. Die Ergebnisse der ersten PISA-Studien hatten zuvor eine breite Diskussion über die Leistungsfähigkeit des deutschen Bildungssystems ausgelöst. Zugleich war nach der Föderalismusreform von 2006 umstritten, wie stark der Bund sich überhaupt an der Bildungspolitik beteiligen sollte.
Die SPD verlangte 2009 ausdrücklich eine gemeinsame Anstrengung von Bund, Ländern und Kommunen, höhere Bildungsausgaben, mehr Ganztagsangebote, Sozialarbeit an Schulen und ein gebührenfreies Erststudium bis einschließlich Master.
Auch die Grünen widmeten der Bildung einen umfangreichen eigenen Programmteil unter dem Titel „Bildung statt Beton“ und stellten bessere Schulen, Hochschulen und Ausbildung in das Zentrum ihres Wahlprogramms. Die Spalte 2009 zeigt deshalb sehr gut, dass mehrere heute vertraute bildungspolitische Themen bereits damals fest etabliert waren.
Hochschulen zwischen Zugang, Wettbewerb und Freiheit
Eine weitere langfristige Konfliktlinie betrifft die Hochschulen. Wie offen soll der Zugang sein? Wie stark soll der Staat Hochschulen finanzieren und steuern? Wie viel Autonomie sollen Universitäten besitzen? Und sollen Studierende unmittelbar über Gebühren an ihrer Finanzierung beteiligt werden?
Gerade um Studiengebühren wurde in den 2000er Jahren heftig gestritten. Die SPD verlangte 2009 ausdrücklich ein gebührenfreies Erststudium bis zum Master. Gleichzeitig wollte sie den Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte ohne Abitur erleichtern.
FDP und Union setzten stärker auf Hochschulautonomie, Wettbewerb und leistungsorientierte Strukturen. Die Grünen verbanden einen möglichst offenen Hochschulzugang mit der Ablehnung sozialer Zugangshürden.
Über allen Unterschieden besteht jedoch eine bemerkenswerte Konstante: Wissenschafts- und Forschungsfreiheit werden über das Parteienspektrum hinweg grundsätzlich hoch bewertet. Selbst die AfD stellt 2025 die Autonomie der Hochschulen und die Freiheit von Forschung und Lehre ausdrücklich heraus.
Mehr Kontinuität als bei anderen Themen
Im Vergleich zu Gesellschafts-, Energie- oder Sicherheitspolitik fallen bei Bildung zunächst weniger spektakuläre Positionswechsel auf. Die grundlegenden Ziele ähneln sich über Jahrzehnte: Bildung soll Aufstieg ermöglichen, Wirtschaft und Gesellschaft mit qualifizierten Menschen versorgen und wissenschaftliche Leistungsfähigkeit sichern.
Die Unterschiede liegen stärker in der institutionellen Ordnung. Besonders langlebig ist die Auseinandersetzung über Schulstrukturen und Zuständigkeiten. CDU und FDP setzen stärker auf Differenzierung, Leistung, Autonomie und föderale Verantwortung. SPD und Grüne betonen stärker gemeinsamen Zugang, soziale Chancengleichheit und eine größere Verantwortung des Staates für vergleichbare Bildungsbedingungen.
Gleichzeitig haben sich die Parteien in manchen praktischen Fragen angenähert. Ganztagsangebote, frühkindliche Förderung, berufliche Bildung und zusätzliche Unterstützung für Kinder mit schlechten Startbedingungen finden sich heute in unterschiedlicher Form fast überall.
Das bedeutet jedoch nicht, dass die Bildungspolitik unpolitisch geworden wäre. Der Streit hat sich lediglich teilweise verlagert.
Die Mitte des Zeitraums erklärt einiges
2009 ist auch hier ein hilfreicher zusätzlicher Messpunkt. Die SPD forderte damals unter anderem mehr Bildungsausgaben, Ganztagsschulen, inklusive Bildung, mehr Studienplätze und ein gebührenfreies Erststudium. Die Grünen machten Bildung mit einem eigenen großen Programmkapitel zu einem zentralen Bestandteil ihres gesellschaftspolitischen Konzepts. Die FDP stellte dem stärker Wettbewerb, Bildungsfreiheit und Eigenverantwortung gegenüber; ihr vollständiges „Deutschlandprogramm 2009“ ist weiterhin über das Archiv des Liberalismus dokumentiert.
Damit ist ein beträchtlicher Teil der heutigen Bildungsdebatte bereits 2009 erkennbar. Neu hinzugekommen sind vor allem andere Rahmenbedingungen: Digitalisierung, Fachkräftemangel, die zunehmende Sorge über nachlassende Grundkompetenzen und die Frage, wie viel bundesweite Vergleichbarkeit ein föderales Bildungssystem benötigt.
Gerade deshalb eignet sich Bildungspolitik gut als Gegenbeispiel zu Politikfeldern, in denen ganze Grundpositionen gewechselt haben. Hier verändert sich häufig weniger das Ziel als die Antwort auf die Frage:
Welche Schule, welche Hochschule und welche staatliche Ordnung führen am ehesten dorthin?
Vergleichsmatrix: Bildung, Wissenschaft und Hochschulen
| Politische Position | CDU 1983 | CDU 1990 | CDU 2009 | CDU 2025 | SPD 1983 | SPD 1990 | SPD 2009 | SPD 2025 | Grüne 1983 | Grüne 1990 | Grüne 2009 | Grüne 2025 | FDP 1983 | FDP 1990 | FDP 2009 | FDP 2025 | AfD 2025 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Starke Zuständigkeit der Länder und Bildungsföderalismus | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ○ | ○ | ○ | ○ | ○ | ○ | ● | ● | ● | ◐ | ● |
| Stärkere bundesweite Koordination und gemeinsame Bildungsstandards | ○ | ○ | ◐ | ● | ◐ | ◐ | ● | ● | ◐ | ◐ | ● | ● | ○ | ○ | ◐ | ● | ○ |
| Leistungsorientierung und verbindliche Bildungsanforderungen stark betont | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ● | ● | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● |
| Stärkere Förderung integrierter bzw. gemeinsamer Schulformen | ✕ | ✕ | ○ | ○ | ● | ● | ● | ◐ | ● | ● | ● | ◐ | ○ | ○ | ○ | ○ | ✕ |
| Erhalt eines gegliederten bzw. differenzierten Schulsystems | ● | ● | ● | ● | ✕ | ✕ | ○ | ○ | ✕ | ✕ | ✕ | ○ | ● | ● | ● | ● | ● |
| Ausbau von Ganztagsschulen und ganztägiger Bildungsbetreuung | ○ | ○ | ● | ● | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ○ | ○ | ◐ | ● | ○ |
| Gebührenfreier Zugang zu Studium bzw. ausdrückliche Ablehnung allgemeiner Studiengebühren | — | — | ○ | ◐ | — | — | ● | ● | — | — | ● | ● | — | — | ✕ | ◐ | ○ |
| Starke Förderung der beruflichen und dualen Ausbildung | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● |
| Stärkere Öffnung der Hochschulen für beruflich Qualifizierte | ○ | ○ | ◐ | ● | ○ | ◐ | ● | ● | ◐ | ◐ | ● | ● | ◐ | ◐ | ● | ● | ◐ |
| Starke staatliche Förderung von Wissenschaft und Forschung | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● |
| Autonomie der Hochschulen und Freiheit von Forschung und Lehre stark betont | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● |
Warum die Realität sich von Wahlprogrammen unterscheiden kann
Der Ökonom Christian Rieck erklärt politische Unwahrheiten nicht in erster Linie als moralisches Versagen einzelner Politiker, sondern als Ergebnis falscher Anreize. Aus spieltheoretischer Sicht verlieren Versprechen an Glaubwürdigkeit, wenn ihre Nichteinhaltung kaum persönliche Konsequenzen hat. Solche Aussagen werden zum „Cheap Talk“: Für Wähler wird es immer schwieriger, belastbare Zusagen von strategischer Kommunikation zu unterscheiden. Gleichzeitig erzeugt die enorme Informationsmenge ein Transparenz-Paradoxon. Je mehr Skandale, Empörungen und Nachrichten gleichzeitig um Aufmerksamkeit konkurrieren, desto schwieriger wird es, wirklich bedeutsame Vorgänge zu erkennen.
Wieso lügen Politiker uns so schamlos an? (Angewandte Rationaltheorie) | Prof. dr. Christian Rieck
Rieck vergleicht diesen Effekt mit einem Denial-of-Service-Angriff: Die begrenzte Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit werde durch immer neue Reize gebunden. Gleichzeitig verschöben sich durch Gewöhnung die Maßstäbe dafür, welches politische Verhalten noch als außergewöhnlich gilt. Seine Schlussfolgerung: Nicht die Hoffnung auf grundsätzlich „bessere“ Politiker löse das Problem. Entscheidend seien institutionelle Spielregeln, durch die Ehrlichkeit, überprüfbare Zusagen und persönliche Verantwortung wieder einen strategischen Vorteil erhalten.
Energie, Kernkraft, Umwelt und Klima: Von der Ölkrise zur Klimaneutralität
Kaum ein Politikfeld eignet sich für einen Vergleich über vier Jahrzehnte so gut wie die Energiepolitik. Viele der grundlegenden Fragen von 1983 sind erstaunlicherweise noch immer vorhanden: Wie sicher ist die Energieversorgung? Wie abhängig darf Deutschland von Energieimporten sein? Welche Rolle sollen Kohle und Kernenergie spielen? Wie stark darf der Staat in die Energieversorgung eingreifen? Und welchen Preis ist eine Gesellschaft bereit, für Umwelt- und Klimaschutz zu bezahlen?
Trotzdem wäre es irreführend, die damalige Debatte einfach mit heutigen Begriffen zu beschreiben. 1983 stand nicht die Klimaneutralität im Mittelpunkt der energiepolitischen Auseinandersetzung. Die Erfahrungen der Ölkrisen waren noch frisch, Versorgungssicherheit und Abhängigkeit von importiertem Erdöl spielten eine große Rolle, und die Kernenergie war Gegenstand eines fundamentalen politischen Konflikts.
Für die Grünen war der Widerstand gegen die Atomenergie eines ihrer Gründungsthemen. CDU/CSU und FDP betrachteten die Kernenergie dagegen als wichtigen Bestandteil einer sicheren Energieversorgung. Auch die SPD stand 1983 noch unter anderen energiepolitischen Voraussetzungen als in späteren Jahrzehnten.
2025 ist das Ausgangsbild ein anderes. Die letzten deutschen Kernkraftwerke sind abgeschaltet, erneuerbare Energien stellen einen wesentlichen Teil der Stromerzeugung, Klimaneutralität ist zu einem zentralen politischen Begriff geworden – und gleichzeitig werden Versorgungssicherheit, Energiepreise und industrielle Wettbewerbsfähigkeit erneut intensiv diskutiert. Gerade deshalb lohnt sich der Blick in die alten Programme.
Kernenergie als politische Trennlinie
In den frühen achtziger Jahren war die Kernenergie nicht einfach eine energiepolitische Technologie unter mehreren. Sie war eine der großen gesellschaftspolitischen Konfliktfragen der Bundesrepublik.
CDU und CSU bekannten sich zur weiteren Nutzung der Kernenergie. Auch die FDP hielt sie für notwendig, solange andere Energiequellen keine ausreichende Alternative boten. Die Grünen vertraten dagegen eine grundsätzlich andere Position: Der Ausstieg aus der Atomenergie gehörte zu den identitätsstiftenden Forderungen der jungen Partei.
Bei der SPD verlief die Entwicklung weniger geradlinig. Die Partei war Anfang der achtziger Jahre keineswegs bereits jene konsequente Atomausstiegspartei, als die sie in späteren Jahrzehnten teilweise wahrgenommen wurde. Innerhalb der Sozialdemokratie nahm die Skepsis gegenüber der Kernenergie allerdings deutlich zu. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 veränderte sich die Position schließlich grundlegend.
Schon an diesem einzelnen Thema lässt sich deshalb beobachten, wie politische Positionen wandern können. Eine Technologie, deren weitere Nutzung 1983 von wesentlichen Teilen des etablierten Parteiensystems unterstützt wurde, war Jahrzehnte später in Deutschland politisch weitgehend aufgegeben worden.
2025 ist diese Frage allerdings erneut offen. CDU/CSU und FDP wollen den Wiedereinstieg beziehungsweise zumindest die technische Möglichkeit einer erneuten Kernenergienutzung nicht ausschließen. Die AfD fordert ausdrücklich die Rückkehr zur Kernenergie. SPD und Grüne halten dagegen am vollzogenen Ausstieg fest. Damit existiert 42 Jahre später wieder eine klare parteipolitische Trennlinie – allerdings unter vollkommen anderen technischen und politischen Voraussetzungen.

Vom Umweltschutz zur Klimapolitik
Noch deutlicher verändert hat sich die Sprache der Umweltpolitik. Umweltschutz war 1983 keineswegs ausschließlich ein Thema der Grünen. Luftverschmutzung, Waldsterben, Gewässerschutz, Abfall, Landschaftsverbrauch und Schadstoffbelastungen beschäftigten auch die etablierten Parteien. Die Unterschiede bestanden eher darin, welche Konsequenzen daraus gezogen werden sollten.
Die Grünen verbanden ökologische Probleme bereits früh mit einer grundsätzlichen Kritik an unbegrenztem Wirtschaftswachstum und industrieller Produktionsweise. Andere Parteien setzten stärker darauf, Umweltschutz mit technischem Fortschritt, wirtschaftlichem Wachstum und marktwirtschaftlichen Instrumenten zu verbinden.
2025 ist aus dem damaligen Umweltschutz zusätzlich eine umfassende Klimapolitik geworden. CO₂-Emissionen, internationale Klimaziele, erneuerbare Energien, Wärmeerzeugung, Mobilität und industrielle Transformation werden inzwischen als miteinander verbundenes System betrachtet.
Dabei besteht mittlerweile kaum noch Streit darüber, ob Klimaveränderungen politisch berücksichtigt werden sollen. Sehr groß sind dagegen die Unterschiede bei der Frage, mit welchen Instrumenten, welchem Tempo und welchen wirtschaftlichen Folgen dies geschehen soll.
Versorgungssicherheit kehrt zurück
Interessant ist zugleich, dass ein Thema wieder an Bedeutung gewonnen hat, das schon Anfang der achtziger Jahre eine zentrale Rolle spielte: die Sicherheit der Energieversorgung.
Damals stand die Abhängigkeit von Erdölimporten im Mittelpunkt. Heute geht es zusätzlich um Erdgas, Stromnetze, Speicher, Wasserstoff, erneuerbare Energien und die geopolitischen Folgen internationaler Lieferbeziehungen.
Spätestens seit dem russischen Angriff auf die Ukraine und dem weitgehenden Ende der früheren deutschen Abhängigkeit von russischem Pipelinegas ist Energieversorgung wieder ausdrücklich auch Sicherheitspolitik.
Damit begegnen sich in diesem Kapitel zwei sehr unterschiedliche Entwicklungen. Auf der einen Seite stehen neue Konzepte wie Klimaneutralität und eine weitgehend erneuerbare Energieversorgung. Auf der anderen Seite kehren klassische Fragen nach Energiepreisen, heimischen Energieträgern, Importabhängigkeit und Versorgungssicherheit zurück.
Vergleichsmatrix: Energie, Kernenergie, Umwelt und Klima
| Politische Position | CDU 1983 | CDU 1990 | CDU 2009 | CDU 2025 | SPD 1983 | SPD 1990 | SPD 2009 | SPD 2025 | Grüne 1983 | Grüne 1990 | Grüne 2009 | Grüne 2025 | FDP 1983 | FDP 1990 | FDP 2009 | FDP 2025 | AfD 2025 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Nutzung bzw. erneute Nutzung der Kernenergie | ● | ● | ● | ● | ◐ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ● | ● | ● | ● | ● |
| Ausstieg aus der Kernenergie | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ○ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ |
| Forschung an neuen Kernenergietechnologien | ● | ● | ● | ● | ◐ | ○ | ○ | ○ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ● | ● | ● | ● | ● |
| Ausbau erneuerbarer Energiequellen | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ | ● | ● | ● | ◐ |
| Erneuerbare Energien als langfristig dominierende Energiequelle | ○ | ◐ | ● | ● | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ○ | ◐ | ● | ● | ○ |
| Weitere Nutzung heimischer Kohle | ● | ● | ◐ | ○ | ● | ● | ◐ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ● | ◐ | ○ | ○ | ● |
| Politisch festgelegter Kohleausstieg | ✕ | ✕ | ○ | ◐ | ✕ | ○ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ✕ | ✕ | ○ | ◐ | ✕ |
| Verringerung der Abhängigkeit von Energieimporten | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● |
| Versorgungssicherheit als vorrangiges energiepolitisches Ziel | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● |
| Bezahlbare Energie / Energiepreise als zentrales Ziel | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● |
| Starke staatliche Steuerung des Energiesystems | ○ | ○ | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ○ |
| Marktwirtschaftliche Steuerung von Energie- und Klimapolitik | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ○ | ○ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● |
| Klimaschutz als zentrales politisches Ziel | — | ◐ | ● | ● | — | ◐ | ● | ● | ○ | ● | ● | ● | — | ◐ | ● | ● | ✕ |
| Klimaneutralität als verbindliches politisches Ziel | — | — | ○ | ● | — | — | ○ | ● | — | — | ◐ | ● | — | — | ○ | ◐ | ✕ |
| Umwelt- und Naturschutz als eigenständiges politisches Ziel | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ |
| Ökologische Grenzen des Wirtschaftswachstums ausdrücklich betont | ✕ | ✕ | ○ | ○ | ○ | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ◐ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ |
Verkehr, Infrastruktur und Landwirtschaft: Mobilität zwischen Wachstum und Begrenzung
Verkehrspolitik wirkt auf den ersten Blick weniger grundsätzlich als die großen Auseinandersetzungen über Sozialstaat, Kernenergie oder innere Sicherheit. Bei genauerem Hinsehen berührt sie jedoch einige der gleichen Fragen: Soll der Staat vor allem Infrastruktur bereitstellen und dem Bürger die Wahl des Verkehrsmittels überlassen? Oder soll er gezielt beeinflussen, wie Menschen und Güter transportiert werden? Ist wachsende Mobilität grundsätzlich erwünscht, oder muss Verkehr aus ökologischen Gründen begrenzt werden?
Auch hier unterscheiden sich die Ausgangsbedingungen von 1983 und 2025 erheblich. Anfang der achtziger Jahre war das Automobil bereits das dominierende individuelle Verkehrsmittel. Der Ausbau von Autobahnen und Bundesstraßen gehörte seit Jahrzehnten zur Infrastrukturpolitik der Bundesrepublik. Gleichzeitig wurden die Folgen des wachsenden Verkehrs zunehmend sichtbar. Luftverschmutzung, Flächenverbrauch, Verkehrslärm und die Belastung der Städte entwickelten sich zu politischen Themen.
Die Grünen stellten dieser Entwicklung von Beginn an eine grundsätzlich andere Vorstellung von Verkehr entgegen. Öffentlicher Nahverkehr und Eisenbahn sollten gestärkt, der motorisierte Individualverkehr dagegen zurückgedrängt werden. Bei den etablierten Parteien ging es stärker darum, unterschiedliche Verkehrsträger nebeneinander weiterzuentwickeln.
2025 ist diese alte Auseinandersetzung noch immer erkennbar. Hinzugekommen sind jedoch Klimaschutz, Elektromobilität, Ladeinfrastruktur, CO₂-Bepreisung und die Frage, ob der Staat bestimmte Antriebstechnologien politisch bevorzugen soll.
Das Auto zwischen Freiheit und politischer Steuerung
Besonders deutlich werden die unterschiedlichen Grundhaltungen beim privaten Pkw. CDU/CSU, FDP und AfD betonen 2025 vergleichsweise stark individuelle Mobilität, Technologieoffenheit und die Bedeutung des Automobils. Die Union will das von der EU vorgesehene Ende der Neuzulassung von Pkw mit Verbrennungsmotor ab 2035 rückgängig machen. Die FDP wendet sich ebenfalls gegen ein politisch vorgegebenes Verbrenner-Aus und setzt stärker auf Wettbewerb zwischen unterschiedlichen Technologien. Die AfD lehnt eine politisch erzwungene Umstellung auf Elektromobilität besonders deutlich ab.
SPD und Grüne setzen stärker auf die Transformation des Straßenverkehrs in Richtung emissionsärmerer beziehungsweise elektrischer Antriebe und auf eine größere Rolle von Bahn und öffentlichem Verkehr.
Interessant ist dabei weniger, dass die Parteien unterschiedliche Verkehrsmittel bevorzugen. Entscheidender für den Langzeitvergleich ist die dahinterstehende Frage, ob Verkehrspolitik hauptsächlich Mobilität ermöglichen oder zugleich die Wahl des Verkehrsmittels steuern soll. Diese Konfliktlinie war bereits 1983 vorhanden.
Die Bahn als erstaunlicher Konsens
Ein wesentlich größerer Konsens besteht beim Schienenverkehr. Nahezu alle Parteien fordern in unterschiedlichen Jahrzehnten eine leistungsfähige Bahn. Die Unterschiede liegen vor allem darin, welche Priorität sie gegenüber Straße und Luftverkehr erhält und wie stark der Staat ihre Nutzung fördern soll.
Gerade deshalb wäre die einfache Tabellenzeile „Ausbau der Bahn“ wenig aussagekräftig. Eine Partei kann gleichzeitig Autobahnen und Schienenwege ausbauen wollen. Eine andere kann den Ausbau der Bahn ausdrücklich mit dem Ziel verbinden, Verkehr von der Straße auf die Schiene zu verlagern.
Die Matrix trennt deshalb zwischen dem bloßen Ausbau eines Verkehrsträgers und einer politisch gewünschten Verschiebung zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln.
Landwirtschaft zwischen Markt, Versorgung und Ökologie
Auch die Landwirtschaft hat sich seit 1983 erheblich verändert. Damals standen Agrarpreise, bäuerliche Einkommen, die europäische Agrarpolitik und die Sicherung der heimischen Landwirtschaft stark im Vordergrund. Umweltprobleme durch intensive Landwirtschaft wurden zwar zunehmend diskutiert, hatten aber noch nicht die heutige Bedeutung.
Die Grünen stellten auch hier früh die bis dahin dominierende Vorstellung infrage, landwirtschaftliche Produktivität immer weiter zu steigern. Ökologischer Landbau, Tierhaltung, Pestizide und der Schutz natürlicher Lebensgrundlagen erhielten in ihrer Programmatik einen deutlich größeren Stellenwert.
2025 gehören viele dieser Themen längst zum allgemeinen politischen Repertoire. Kaum eine Partei spricht sich gegen Natur-, Boden- oder Gewässerschutz aus. Die Unterschiede liegen vielmehr bei den Instrumenten und beim Verhältnis zwischen ökologischen Vorgaben, landwirtschaftlicher Produktivität, Versorgungssicherheit und wirtschaftlicher Freiheit der Betriebe.
Damit zeigt auch dieses Politikfeld ein Muster, das uns bereits mehrfach begegnet ist: Eine Forderung kann vom politischen Rand in den allgemeinen Konsens wandern, während der eigentliche Konflikt anschließend darüber geführt wird, wie weit ihre praktische Umsetzung gehen soll.
Vergleichsmatrix: Verkehr, Infrastruktur und Landwirtschaft
| Politische Position | CDU 1983 | CDU 1990 | CDU 2009 | CDU 2025 | SPD 1983 | SPD 1990 | SPD 2009 | SPD 2025 | Grüne 1983 | Grüne 1990 | Grüne 2009 | Grüne 2025 | FDP 1983 | FDP 1990 | FDP 2009 | FDP 2025 | AfD 2025 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Ausbau und Erhalt des Straßennetzes | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ✕ | ✕ | ○ | ○ | ● | ● | ● | ● | ● |
| Ausbau des Schienenverkehrs | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ | ● | ● | ● | ◐ |
| Verlagerung von Straßenverkehr auf Bahn und ÖPNV | ○ | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ○ | ◐ | ◐ | ◐ | ✕ |
| Förderung des öffentlichen Personennahverkehrs | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ● | ● | ◐ |
| Private Pkw-Mobilität als besonders schützenswerte individuelle Freiheit | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ✕ | ✕ | ○ | ○ | ● | ● | ● | ● | ● |
| Politische Begrenzung des motorisierten Individualverkehrs | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ○ | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ |
| Generelles Tempolimit auf Autobahnen | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ |
| Technologieoffenheit bei Fahrzeugantrieben | — | ○ | ◐ | ● | — | ○ | ◐ | ◐ | — | ○ | ○ | ◐ | — | ◐ | ● | ● | ● |
| Politisch beschleunigter Übergang zur Elektromobilität | — | — | ○ | ○ | — | — | ◐ | ● | — | — | ● | ● | — | — | ○ | ✕ | ✕ |
| Ausbau bzw. Sicherung des Luftverkehrsstandorts | ● | ● | ● | ● | ◐ | ● | ◐ | ◐ | ✕ | ✕ | ○ | ○ | ● | ● | ● | ● | ● |
| Begrenzung des Luftverkehrs aus ökologischen Gründen | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ○ | ○ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ |
| Schutz und Erhalt bäuerlicher bzw. familiengeführter Landwirtschaft | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● |
| Ausbau ökologischer Landwirtschaft | ○ | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ○ | ◐ | ◐ | ◐ | ○ |
| Stärkere Umwelt- und Tierschutzauflagen für die Landwirtschaft | ○ | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ○ | ◐ | ◐ | ◐ | ✕ |
| Abbau staatlicher und europäischer Vorgaben für landwirtschaftliche Betriebe | ◐ | ◐ | ● | ● | ○ | ○ | ◐ | ◐ | ✕ | ✕ | ○ | ○ | ● | ● | ● | ● | ● |
Europa, EG/EU und nationale Souveränität
Kaum ein anderer Bereich hat sich zwischen 1983 und 2025 institutionell so stark verändert wie die Europapolitik. Das macht den Vergleich besonders interessant – und zugleich methodisch schwierig.
1983 existierte noch keine Europäische Union. Die Bundesrepublik war Mitglied der Europäischen Gemeinschaften, deren politische und wirtschaftliche Integration deutlich weniger weit entwickelt war als heute. Es gab keinen Euro, keinen europäischen Binnenmarkt in seiner späteren Form, keine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik und keine Unionsbürgerschaft. Zahlreiche politische Kompetenzen, die heute auf europäischer Ebene ausgeübt werden, lagen damals vollständig bei den Mitgliedstaaten.
Trotzdem war die Richtung bereits Gegenstand politischer Auseinandersetzungen. Wie weit sollte die europäische Einigung gehen? Sollte Europa langfristig zu einer politischen Union werden? Welche Kompetenzen sollten die Nationalstaaten behalten? Und sollte die europäische Integration vor allem wirtschaftlicher Zusammenarbeit dienen oder zunehmend auch politische Souveränität bündeln?
Diese Fragen begleiten sämtliche untersuchten Wahlprogramme – nur der Ausgangspunkt verschiebt sich mit jedem Jahrzehnt.
1983 bedeutete „mehr Europa“ etwas anderes als heute
Das ist für die Tabellen besonders wichtig. Eine Partei, die 1983 eine weitgehende europäische Integration forderte, verlangte dies innerhalb einer Gemeinschaft, die noch deutlich weniger Kompetenzen besaß. Dieselbe Forderung im Jahr 2025 setzt dagegen bereits Jahrzehnte fortgeschrittener Integration voraus.
Deshalb kann ein ausgefüllter Kreis bei „weitere europäische Integration“ in beiden Jahren stehen und dennoch sehr unterschiedliche praktische Konsequenzen haben.
CDU/CSU, SPD und FDP gehörten schon früh grundsätzlich zu den integrationsfreundlichen Kräften der Bundesrepublik. Die europäische Einigung wurde nicht nur als wirtschaftliches Projekt verstanden, sondern auch als Antwort auf die deutsche und europäische Geschichte.
Bei den frühen Grünen war das Verhältnis komplizierter. Einerseits vertraten sie internationale Zusammenarbeit und grenzüberschreitende politische Lösungen. Andererseits standen sie zentralisierten Institutionen, militärischen Strukturen und einer primär wirtschaftlich verstandenen europäischen Integration wesentlich skeptischer gegenüber. Über die Jahrzehnte veränderte sich auch hier die Position.
1990: Deutsche Einheit und europäische Einigung gehören zusammen
Das Jahr 1990 ist für die Europapolitik ein Sonderfall. Die deutsche Wiedervereinigung warf unmittelbar die Frage auf, wie das größere und wiedervereinigte Deutschland in Europa eingebunden werden sollte. Für große Teile des damaligen Parteienspektrums gehörten deutsche Einheit und vertiefte europäische Integration deshalb ausdrücklich zusammen.
Gleichzeitig befand sich die Europäische Gemeinschaft auf dem Weg zu jener Struktur, aus der wenige Jahre später mit dem Vertrag von Maastricht die Europäische Union hervorging.
Der Vergleich von 1990 mit 2025 zeigt daher nicht nur veränderte Parteien. Er zeigt auch, wie viele der damals noch zukünftigen Integrationsschritte inzwischen politische Realität geworden sind.
2009: Die Europäische Union ist längst Alltag
2009 war diese Entwicklung bereits weit fortgeschritten. Der Euro war seit Jahren Bargeld, der europäische Binnenmarkt etabliert und die Europäische Union nach mehreren Erweiterungsrunden auf 27 Mitgliedstaaten angewachsen. Gleichzeitig stand Europa unter dem Eindruck der internationalen Finanzkrise, und der Vertrag von Lissabon sollte noch im selben Jahr in Kraft treten.
Damit stellte sich die Souveränitätsfrage bereits konkreter als 1983 oder 1990. Es ging nicht mehr hauptsächlich darum, ob europäische Institutionen zusätzliche Kompetenzen erhalten sollten. Viel häufiger ging es darum, in welchen Bereichen Entscheidungen europäisch getroffen werden sollten, wie demokratische Kontrolle organisiert werden kann und wo das Subsidiaritätsprinzip Grenzen europäischer Zuständigkeit setzen soll.
Gerade bei FDP und Union ist diese Verbindung interessant: Beide stehen grundsätzlich zur europäischen Integration, betonen aber zugleich Subsidiarität und die Notwendigkeit, nicht jede politische Frage in Brüssel zu zentralisieren.
SPD und Grüne setzen stärker auf gemeinsame europäische Handlungsfähigkeit, insbesondere dort, wo nationale Lösungen als unzureichend betrachtet werden.
2025 wird Souveränität wieder stärker diskutiert
Bis 2025 hat sich die europapolitische Konfliktlinie erneut verändert. Die EU ist inzwischen nicht nur Wirtschaftsraum, sondern reguliert zahlreiche Bereiche des Alltags und spielt eine immer größere Rolle bei Migration, Energie, Klima, Digitalisierung, Außenpolitik und Verteidigung.
CDU, SPD, Grüne und FDP halten grundsätzlich an der Europäischen Union und ihrer weiteren politischen Handlungsfähigkeit fest. Die Unterschiede betreffen vor allem das Maß weiterer Integration und die Frage, wie stark nationale Kompetenzen erhalten bleiben sollen.
Mit der AfD ist zugleich eine Partei vertreten, die das gegenwärtige Integrationsmodell wesentlich grundsätzlicher infrage stellt und eine weitgehende Rückverlagerung von Kompetenzen auf die Nationalstaaten fordert.
Damit entsteht 2025 erstmals innerhalb dieses Vergleichs eine sehr deutliche programmatische Gegenposition zu jener Richtung europäischer Integration, die CDU, SPD, FDP und später auch die Grünen über Jahrzehnte grundsätzlich mitgetragen haben.
Huidig onderzoek naar vertrouwen in de politiek en de media
Europa und Souveränität sind keine einfachen Gegensätze
Auch hier wäre es trotzdem falsch, die Programme nur in „für Europa“ und „gegen Europa“ einzuteilen. Eine Partei kann die EU ausdrücklich unterstützen und zugleich nationale Kompetenzen schützen wollen. Sie kann eine gemeinsame europäische Außenpolitik fordern und gleichzeitig das Subsidiaritätsprinzip betonen. Ebenso kann sie mehr europäische Zusammenarbeit bei Verteidigung verlangen, aber eine Zentralisierung anderer Politikbereiche ablehnen.
Deshalb trennt die folgende Matrix europäische Integration, Kompetenzübertragung, nationale Souveränität, Subsidiarität, gemeinsame Währung sowie Außen- und Verteidigungspolitik voneinander. Erst dadurch wird sichtbar, wie unterschiedlich ein grundsätzlich positives Verhältnis zu Europa ausgestaltet werden kann.
Eine bemerkenswerte Kontinuität der etablierten Parteien
Im Vergleich mit anderen Politikfeldern fällt zunächst auf, wie stabil die grundsätzlich proeuropäische Orientierung von CDU, SPD und FDP über Jahrzehnte geblieben ist.
Schon 1983 war eine weitergehende europäische Einigung für diese Parteien kein Randthema. Besonders bei der Union gehörte die Einbindung Deutschlands in ein geeintes Europa zum politischen Selbstverständnis der Nachkriegszeit. Auch SPD und FDP unterstützten die politische Vertiefung der europäischen Gemeinschaft.
1990 verstärkte sich dieses Motiv durch die deutsche Wiedervereinigung noch einmal. 2009 war aus der früheren Zielvorstellung längst institutionelle Realität geworden. Viele Kompetenzen waren bereits europäisiert, der Euro eingeführt und die Osterweiterung vollzogen.
Der politische Streit verlagerte sich dadurch zunehmend von der grundsätzlichen Frage der Integration auf deren konkrete Grenzen.
Bei den Grünen findet eine deutliche Annäherung statt
Interessanter ist die Entwicklung der Grünen. Die frühen Grünen standen den bestehenden europäischen Strukturen wesentlich kritischer gegenüber. Ihre Skepsis richtete sich jedoch nicht zwingend gegen internationale Zusammenarbeit an sich. Kritisiert wurden vielmehr wirtschaftliche Zentralisierung, Demokratiedefizite, militärische Strukturen und eine Form europäischer Integration, die aus grüner Sicht zu stark durch Markt- und Wachstumsinteressen bestimmt wurde.
Bis 2009 hatte sich diese Position grundlegend verändert. Die Grünen gehörten inzwischen zu den Parteien, die eine Vertiefung der Europäischen Union, stärkere europäische Institutionen und gemeinsame europäische Lösungen besonders deutlich befürworteten.
Auch hier zeigt die zusätzliche Zwischenaufnahme deshalb, dass der Wandel lange vor 2025 weitgehend vollzogen war.
Die FDP verbindet Integration und Subsidiarität
Ein anderes Muster zeigt die FDP. Sie gehört durchgehend zu den integrationsfreundlichen Parteien, verbindet dies aber vergleichsweise stark mit der Forderung, europäische Institutionen auf tatsächlich grenzüberschreitende Aufgaben zu konzentrieren.
Europa soll dort handeln, wo gemeinsames Handeln einen erkennbaren Vorteil besitzt. Andere Entscheidungen sollen möglichst nah am Bürger und damit auf kommunaler, Landes- oder nationaler Ebene verbleiben.
Diese Verbindung aus europäischer Integration und Subsidiarität ist wichtig, weil sie zeigt, dass die Forderung nach Begrenzung europäischer Kompetenzen nicht automatisch eine Ablehnung der Europäischen Union bedeutet. Genau dieser Unterschied wird 2025 besonders relevant.
2025 entsteht eine grundsätzlichere Gegenposition
Mit der AfD tritt eine Position hinzu, die deutlich weiter geht als die traditionelle europapolitische Kritik der FDP oder konservativer Teile der Union. Hier geht es nicht lediglich um einzelne Kompetenzen oder stärkere Subsidiarität, sondern um eine grundsätzlich andere Vorstellung vom Verhältnis zwischen Nationalstaat und europäischer Ebene.
Die nationale Souveränität soll wieder wesentlich stärker im Mittelpunkt stehen, während supranationale Zuständigkeiten zurückgeführt werden sollen. Dadurch erhält die europapolitische Matrix 2025 eine Konfliktlinie, die in dieser Form in den Programmen der etablierten westdeutschen Parteien von 1983 nicht vorhanden war.
Das bedeutet allerdings wiederum nicht, dass jede Forderung nach nationaler Souveränität automatisch einer bestimmten Partei zugeordnet werden kann. Auch CDU und FDP betonen Grenzen europäischer Zuständigkeit – nur innerhalb eines grundsätzlich integrationsfreundlichen Modells.
Die Bedeutung derselben Position verändert sich mit dem Ausgangspunkt
Vielleicht zeigt kein anderes Kapitel so deutlich ein methodisches Grundproblem dieses Vergleichs. 1983 konnte eine Partei für erheblich mehr europäische Integration eintreten, ohne damit auch nur annähernd den heutigen Umfang europäischer Zuständigkeiten zu fordern.
2025 kann dieselbe Partei dagegen mehr nationale Eigenständigkeit in einzelnen Bereichen verlangen und trotzdem programmatisch wesentlich stärker europäisch integriert sein, als sie es 1983 überhaupt hätte sein können.
Deshalb müssen die Symbole immer gemeinsam mit ihrem historischen Ausgangspunkt gelesen werden. Ein ● bei „weitere europäische Integration“ bedeutet nicht, dass die konkrete Zielvorstellung von 1983 und 2025 identisch wäre. Es bedeutet, dass die Partei vom jeweils bestehenden Zustand aus weitere Integration ausdrücklich befürwortete. Gerade dadurch wird sichtbar, wie weit sich nicht nur die Parteien, sondern auch das politische Koordinatensystem selbst verschoben hat.
Und kaum irgendwo wird dieses veränderte Koordinatensystem so deutlich wie im folgenden Kapitel. Denn bei Bundeswehr, NATO, USA, Russland und Friedenspolitik treffen die Welt des Kalten Krieges, die Hoffnung auf eine neue Friedensordnung nach 1990 und die sicherheitspolitischen Konflikte des Jahres 2025 unmittelbar aufeinander.
Vergleichsmatrix: Europa, EG/EU und nationale Souveränität
| Politische Position | CDU 1983 | CDU 1990 | CDU 2009 | CDU 2025 | SPD 1983 | SPD 1990 | SPD 2009 | SPD 2025 | Grüne 1983 | Grüne 1990 | Grüne 2009 | Grüne 2025 | FDP 1983 | FDP 1990 | FDP 2009 | FDP 2025 | AfD 2025 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Weitere europäische politische Integration | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ✕ |
| Europa langfristig als politische bzw. föderale Union | ● | ● | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ○ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ✕ |
| Stärkung gemeinsamer europäischer Institutionen | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ✕ |
| Übertragung weiterer nationaler Kompetenzen auf europäische Ebene | ● | ● | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ○ | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ✕ |
| Starke Betonung nationaler Souveränität gegenüber EU-Institutionen | ○ | ○ | ◐ | ◐ | ○ | ○ | ○ | ○ | ◐ | ○ | ○ | ○ | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ● |
| Subsidiarität und Begrenzung europäischer Zuständigkeiten | ◐ | ◐ | ● | ● | ○ | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● |
| Gemeinsame europäische Außenpolitik | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ○ |
| Gemeinsame europäische Verteidigungs- und Sicherheitspolitik | ◐ | ● | ● | ● | ◐ | ● | ● | ● | ✕ | ○ | ● | ● | ◐ | ● | ● | ● | ○ |
| Gemeinsame europäische Währung | ◐ | ● | ● | ● | ◐ | ● | ● | ● | ○ | ● | ● | ● | ◐ | ● | ● | ● | ✕ |
| Weitere Erweiterung der Europäischen Gemeinschaft bzw. Union | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ○ |
| Gemeinsame europäische Lösungen in der Migrations- und Asylpolitik | — | — | ● | ● | — | — | ● | ● | — | — | ● | ● | — | — | ● | ● | ○ |
| Nationale Grenzkontrollen gegenüber dem europäischen Freizügigkeitsraum stark betont | — | — | ○ | ◐ | — | — | ○ | ◐ | — | — | ✕ | ○ | — | — | ○ | ◐ | ● |
Bundeswehr, NATO und Frieden: Von der Nachrüstung zur Zeitenwende
Wenn es ein Politikfeld gibt, bei dem der historische Abstand zwischen 1983 und 2025 besonders deutlich wird, dann ist es die Außen- und Sicherheitspolitik. Und trotzdem begegnen uns über mehr als vier Jahrzehnte hinweg immer wieder dieselben Grundfragen.
Wie stark muss Deutschland militärisch sein? Wie wichtig ist die Bindung an die Vereinigten Staaten? Kann Sicherheit vor allem durch Abschreckung entstehen oder eher durch Abrüstung und Verständigung? Welche Rolle soll die NATO spielen? Unter welchen Bedingungen darf die Bundeswehr außerhalb Deutschlands eingesetzt werden? Soll Deutschland Waffen an Staaten liefern, die militärisch angegriffen werden? Und wie eigenständig soll Europa sicherheitspolitisch gegenüber den USA handeln können?
1983 wurden diese Fragen unter den Bedingungen des Kalten Krieges gestellt. Deutschland war geteilt. Hunderttausende amerikanische und sowjetische Soldaten standen sich in Europa gegenüber. Die Bundesrepublik gehörte zur NATO, die DDR zum Warschauer Pakt. Ein militärischer Konflikt zwischen den beiden Machtblöcken hätte Deutschland mit hoher Wahrscheinlichkeit unmittelbar getroffen.
1990 schien diese Weltordnung plötzlich zu verschwinden. 2009 wiederum befand sich Deutschland in einer vollkommen anderen sicherheitspolitischen Phase. Die Bundeswehr war längst an internationalen Einsätzen beteiligt, Afghanistan bestimmte die politische Debatte, die NATO hatte sich weit nach Osten erweitert und die Beziehungen zu Russland wurden wesentlich kooperativer betrachtet als heute.
2025 ist schließlich die militärische Landes- und Bündnisverteidigung nach dem russischen Angriff auf die Ukraine wieder in das Zentrum deutscher Politik zurückgekehrt. Gerade die zusätzliche Zwischenaufnahme von 2009 macht deshalb sichtbar, dass die Entwicklung keineswegs geradlinig verlief.
1983: Abschreckung oder Abrüstung?
Bei der Bundestagswahl 1983 verlief eine der schärfsten politischen Konfliktlinien durch die Sicherheits- und Friedenspolitik.
CDU und CSU standen eindeutig zur NATO und zum NATO-Doppelbeschluss. Militärische Stärke und glaubwürdige Abschreckung sollten verhindern, dass die Sowjetunion ein strategisches Übergewicht in Europa erreichte.
Auch die FDP hielt am westlichen Bündnis fest, verband dies jedoch stärker mit Rüstungskontrolle, Entspannung und Verhandlungen.
Die SPD befand sich in einer schwierigeren Situation. Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte den NATO-Doppelbeschluss selbst wesentlich mit vorangetrieben. Gleichzeitig wandten sich immer größere Teile seiner eigenen Partei gegen die geplante Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen. Friedens- und Abrüstungspolitik erhielten innerhalb der SPD zunehmend größeres Gewicht.
Die Grünen gingen wesentlich weiter. Friedensbewegung und Widerstand gegen die atomare Aufrüstung gehörten neben Umwelt- und Anti-Atomkraft-Bewegung zu den politischen Wurzeln der jungen Partei. Die Kritik richtete sich nicht nur gegen einzelne Waffensysteme. Teile der frühen grünen Programmatik stellten die militärische Blocklogik selbst infrage.
Damit standen sich 1983 nicht lediglich unterschiedliche sicherheitspolitische Maßnahmen gegenüber. Umstritten war bereits die grundsätzliche Frage, wodurch Sicherheit überhaupt entsteht.
1990: Eine neue Friedensordnung scheint möglich
Nur sieben Jahre später hatte sich die Ausgangslage dramatisch verändert. Die Berliner Mauer war gefallen. Deutschland wurde wiedervereinigt. Die kommunistischen Regierungen Osteuropas waren zusammengebrochen, der Warschauer Pakt befand sich in Auflösung und wenig später sollte auch die Sowjetunion verschwinden.
Damit wurde Abrüstung plötzlich nicht mehr nur gefordert, sondern tatsächlich in großem Umfang praktiziert. Streitkräfte wurden verkleinert, Waffenbestände reduziert und die jahrzehntelange militärische Konfrontation zwischen Ost und West schien überwunden.
Die Programme von 1990 spiegeln deshalb teilweise eine politische Erwartung wider, die aus heutiger Sicht beinahe wie eine eigene historische Epoche wirkt: die Vorstellung, eine dauerhafte europäische Friedensordnung könne entstehen, in der militärische Konfrontation zunehmend durch Zusammenarbeit, Abrüstung und gemeinsame Sicherheitsstrukturen ersetzt wird.
Für einen historischen Vergleich ist dieser Kontext entscheidend. Eine Forderung nach Abrüstung im Jahr 1990 entstand unter vollkommen anderen Bedingungen als dieselbe Forderung im Jahr 2025.

2009: Die Bundeswehr ist längst im Ausland
Die zusätzliche Zwischenaufnahme von 2009 verändert das Bild noch einmal erheblich. Deutschland war inzwischen seit fast zwanzig Jahren vereinigt. Viele frühere Mitglieder des Warschauer Paktes gehörten zur NATO. Die Beziehungen zu Russland waren trotz bestehender Konflikte wesentlich kooperativer als heute.
Gleichzeitig hatte sich die Aufgabe der Bundeswehr verändert. Deutsche Soldaten waren auf dem Balkan und in Afghanistan im Einsatz. Damit ging es nicht mehr hauptsächlich um die klassische Verteidigung des eigenen Territoriums gegen einen möglichen Angriff aus dem Osten. Internationale Krisenbewältigung, Stabilisierungseinsätze und die Frage, unter welchen Voraussetzungen deutsche Soldaten außerhalb des NATO-Gebiets eingesetzt werden dürfen, standen wesentlich stärker im Mittelpunkt.
Gerade bei den Grünen zeigt 2009, wie weit der außenpolitische Wandel bereits fortgeschritten war. Das Wahlprogramm bezeichnete die transatlantische Zusammenarbeit unter dem neuen amerikanischen Präsidenten Barack Obama ausdrücklich als Chance zur „Erneuerung der transatlantischen Allianz“. Die Partei akzeptierte grundsätzlich den ISAF-Einsatz in Afghanistan, knüpfte ihre Zustimmung aber an einen Strategiewechsel und verlangte eine Perspektive für den schrittweisen Abzug der internationalen Truppen. Gleichzeitig sollte die Bundeswehr verkleinert und zu einer Freiwilligenarmee umgebaut werden.
Das ist von der sicherheitspolitischen Position der frühen Grünen bereits deutlich entfernt. Aber es ist auch noch nicht die Position von 2025.
2009 zeigt den Wandel der Grünen besonders deutlich
1983 und 1990 standen die Grünen militärischer Abschreckung, NATO-Strukturen und der Bundeswehr wesentlich skeptischer gegenüber. 2009 akzeptierten sie bereits eine Bundeswehr, die unter parlamentarischer Kontrolle internationale Aufgaben übernehmen konnte. Gleichzeitig blieben Abrüstung, restriktive Rüstungsexporte, Abschaffung der Wehrpflicht und eine starke Orientierung an den Vereinten Nationen zentrale Bestandteile ihrer Programmatik.
2025 ist die Veränderung noch weiter fortgeschritten. Die Grünen stehen nun klar zur NATO, zur militärischen Unterstützung der Ukraine, zu einer verteidigungsfähigen Bundeswehr und zu höheren Verteidigungsanstrengungen.
Der Wandel fand also nicht plötzlich nach 2022 statt. Ein erheblicher Teil hatte bereits zwischen 1990 und 2009 stattgefunden. Die sicherheitspolitische Lage nach dem russischen Angriff auf die Ukraine führte anschließend zu einer weiteren Verschiebung.
Auch die SPD befindet sich 2009 zwischen zwei Epochen
Bei der SPD zeigt sich ein anderes Muster. Das Regierungsprogramm von 2009 bekannte sich zur Modernisierung und leistungsfähigen Ausrüstung der Bundeswehr. Die Wehrpflicht sollte nicht abgeschafft, sondern weiterentwickelt werden. Vorgesehen war allerdings eine stärkere Freiwilligkeit bei der tatsächlichen Einberufung.
Gleichzeitig blieb die sozialdemokratische Tradition von Abrüstung, Rüstungskontrolle, Multilateralismus und ziviler Konfliktprävention deutlich erkennbar.
Damit stand die SPD 2009 bereits klar zur militärischen Handlungsfähigkeit Deutschlands innerhalb von NATO, EU und internationalen Missionen. Der sicherheitspolitische Schwerpunkt lag aber noch erheblich stärker auf internationalem Krisenmanagement als auf der klassischen Landesverteidigung.
2025 hat sich das wieder verändert. Die NATO wird nun ausdrücklich als für die europäische Sicherheit unverzichtbar bezeichnet. Deutschland soll mehr Verantwortung für die Bündnisverteidigung übernehmen, die Bundeswehr dauerhaft besser ausgestattet werden und an der NATO-Ostflanke eine wesentlich größere Rolle spielen. Gleichzeitig hält die SPD an Rüstungskontrolle, Diplomatie und einem langfristigen Ziel nuklearer Abrüstung fest.
Auch hier entsteht also kein einfacher Wechsel von „Friedenspolitik“ zu „Militärpolitik“. Vielmehr verändert sich das Verhältnis zwischen beiden.
2025: Verteidigung ist wieder eine zentrale politische Frage
Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 kehrte eine Frage nach Europa zurück, die nach 1990 zeitweise weitgehend überwunden schien: Kann ein europäischer Staat seine Grenzen und seine politische Existenz wieder mit militärischer Gewalt gegen einen anderen Staat verteidigen müssen?
Die Antwort hat die deutsche Sicherheitspolitik grundlegend verändert. Verteidigungsausgaben, Munitionsbestände, Luftverteidigung, Waffenproduktion, Personalstärke und die Fähigkeit zur Landes- und Bündnisverteidigung stehen wieder im Mittelpunkt.
CDU, SPD, Grüne und FDP bekennen sich 2025 grundsätzlich zur NATO und zu einer stärkeren Verteidigungsfähigkeit. Sie unterscheiden sich jedoch bei einzelnen Waffenlieferungen, beim Umfang der militärischen Unterstützung der Ukraine, bei der Wehrpflicht und bei strategischen Fragen.
Die AfD nimmt bei Russland, Sanktionen und Waffenlieferungen eine deutlich andere Position ein. Sie setzt stärker auf eine Wiederherstellung der Beziehungen zu Russland und lehnt die bisherige deutsche Waffenunterstützung für die Ukraine ab.
Damit entsteht eine bemerkenswerte Konstellation. Ein Teil jener Begriffe, die 1983 besonders stark mit der Friedensbewegung verbunden waren – Entspannung, Verständigung, Zurückhaltung bei Waffenlieferungen und Kritik an militärischer Eskalation – findet sich 2025 teilweise an einer anderen Stelle des Parteienspektrums wieder.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass die dahinterliegenden politischen Konzepte identisch wären. Es zeigt aber erneut, dass einzelne politische Positionen ihre parteipolitische Heimat wechseln können.
Vergleichsmatrix: Bundeswehr, NATO, USA, Russland und Friedenspolitik
| Politische Position | CDU 1983 | CDU 1990 | CDU 2009 | CDU 2025 | SPD 1983 | SPD 1990 | SPD 2009 | SPD 2025 | Grüne 1983 | Grüne 1990 | Grüne 2009 | Grüne 2025 | FDP 1983 | FDP 1990 | FDP 2009 | FDP 2025 | AfD 2025 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Starke und verteidigungsfähige Bundeswehr | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ✕ | ✕ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● |
| Deutliche Erhöhung der Verteidigungsausgaben | ◐ | ○ | ○ | ● | ✕ | ○ | ○ | ● | ✕ | ✕ | ✕ | ● | ◐ | ○ | ○ | ● | ● |
| Wehrpflicht bzw. verpflichtender Militärdienst | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ✕ | ✕ | ✕ | ○ | ● | ● | ◐ | ◐ | ● |
| Freiwilligen- bzw. Berufsarmee statt Wehrpflicht | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ◐ | ✕ | ✕ | ◐ | ◐ | ✕ |
| Klare NATO-Bindung Deutschlands | ● | ● | ● | ● | ◐ | ● | ● | ● | ✕ | ✕ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ |
| Militärische Abschreckung als wesentliches Sicherheitsprinzip | ● | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ✕ | ✕ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ |
| Nukleare Abschreckung innerhalb der NATO | ● | ● | ● | ● | ✕ | ◐ | ◐ | ◐ | ✕ | ✕ | ✕ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ○ |
| Abzug bzw. Entfernung von Atomwaffen aus Deutschland | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ● | ◐ | ● | ○ | ● | ● | ● | ○ | ✕ | ✕ | ◐ | ✕ | ● |
| Enge sicherheitspolitische Bindung an die USA | ● | ● | ● | ● | ◐ | ● | ● | ● | ✕ | ○ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ○ |
| Stärkere europäische Eigenständigkeit in der Verteidigung | ◐ | ◐ | ● | ● | ◐ | ● | ● | ● | ◐ | ● | ● | ● | ◐ | ● | ● | ● | ● |
| Abrüstung als zentrales sicherheitspolitisches Ziel | ◐ | ● | ◐ | ○ | ● | ● | ● | ◐ | ● | ● | ● | ◐ | ● | ● | ● | ◐ | ◐ |
| Einseitige deutsche Abrüstung bzw. deutlicher Vorleistungsgedanke | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ○ | ○ | ○ | ✕ | ● | ● | ○ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ✕ | ○ |
| Entspannung und Kooperation mit Sowjetunion bzw. Russland | ◐ | ● | ● | ○ | ● | ● | ● | ◐ | ● | ● | ● | ○ | ● | ● | ● | ○ | ● |
| Russland als wesentliche militärische Bedrohung | — | — | ○ | ● | — | — | ○ | ● | — | — | ○ | ● | — | — | ○ | ● | ✕ |
| Waffenlieferungen an militärisch angegriffene Partnerstaaten | ○ | ○ | ◐ | ● | ○ | ○ | ◐ | ● | ✕ | ✕ | ○ | ● | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ✕ |
| Restriktive Rüstungsexportpolitik | ○ | ◐ | ◐ | ◐ | ● | ● | ● | ◐ | ● | ● | ● | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ◐ | ○ |
| Diplomatie und Verhandlungen ausdrücklich als vorrangiges Instrument der Konfliktlösung | ◐ | ● | ● | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ | ● |
| Militärische Stärke als Voraussetzung erfolgreicher Diplomatie | ● | ● | ● | ● | ○ | ◐ | ◐ | ● | ✕ | ✕ | ◐ | ● | ● | ● | ● | ● | ◐ |
Was bleibt nach 42 Jahren Wahlprogrammen?
Als ich mit dieser Übersicht begonnen habe, wusste ich selbst nicht genau, was dabei herauskommen würde. Genau das war letztlich der Grund, sie überhaupt zu machen.
Mich interessierte nicht, eine bestimmte politische These zu bestätigen. Ich wollte auch nicht beweisen, Deutschland sei in den vergangenen Jahrzehnten insgesamt nach links oder nach rechts gerückt. Solche Aussagen hört man häufig genug. Mich interessierte eine viel einfachere Frage: Was haben die Parteien eigentlich tatsächlich geschrieben?
Also nicht, woran wir uns heute zu erinnern glauben. Nicht, was über eine Partei in sozialen Netzwerken gesagt wird. Nicht, wie politische Gegner sie beschreiben. Und auch nicht, wie eine Partei ihre eigene Vergangenheit heute darstellt. Sondern das, was vor einer Bundestagswahl schwarz auf weiß im Wahlprogramm stand. Ich war beim Recherchieren selbst gespannt auf die Ergebnisse.
Parteien waren für mich nie der eigentliche Ausgangspunkt
Ich bin kein großer Parteienmensch. Mich interessieren politische Sachfragen wesentlich mehr als die Frage, welches Parteilogo darübersteht.
Das war auch ein Grund dafür, CDU/CSU, SPD, Grüne und FDP nicht nur mit ihren heutigen Programmen zu betrachten, sondern mit Dokumenten aus drei sehr unterschiedlichen politischen Epochen. Bei der AfD ist eine solche historische Betrachtung naturgemäß nicht möglich. Die Partei existierte 1983 und 1990 noch nicht.
Trotzdem musste sie für 2025 in diesen Vergleich hinein. Nicht, weil ich ein besonderer Freund der AfD wäre. Das bin ich nicht. Aber wenn ein wesentlicher Teil der politischen Diskussion in Deutschland um diese Partei kreist und wenn regelmäßig darüber gestritten wird, ob bestimmte Positionen rechts, konservativ, liberal, sozial oder extrem seien, dann wollte ich zumindest wissen:
Wovon sprechen wir eigentlich konkret? Was steht tatsächlich im Programm? Und genauso muss diese Frage für alle anderen Parteien gelten.
Es wäre wenig sinnvoll, bei einer Partei besonders genau hinzusehen und bei einer anderen die eigene Vorstellung davon einzusetzen, wofür sie vermutlich steht. Wenn Wahlprogramme miteinander verglichen werden sollen, müssen für alle möglichst dieselben Maßstäbe gelten.
Die Vergangenheit passt nicht sauber in die Gegenwart
Eine der Schwierigkeiten dieses Vergleichs wurde schon nach den ersten historischen Dokumenten deutlich: Die Vergangenheit lässt sich nicht einfach mit dem politischen Koordinatensystem des Jahres 2025 vermessen.
Manche heutigen Streitfragen existierten 1983 überhaupt noch nicht. Andere gab es zwar, wurden aber unter vollkommen anderen Voraussetzungen diskutiert.
Deutschland war geteilt. Die Europäische Union existierte noch nicht. Die Sowjetunion existierte dagegen sehr wohl. Die NATO stand dem Warschauer Pakt gegenüber. Die deutsche Energieversorgung beruhte auf einer anderen Struktur. Das Internet spielte im Alltag keine Rolle. Von sozialen Netzwerken, Smartphones, digitaler Massenkommunikation oder künstlicher Intelligenz ganz zu schweigen.
Auch Migration, Staatsangehörigkeit und europäische Integration wurden unter anderen rechtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen diskutiert.
Deshalb wäre es methodisch falsch, überall dort, wo ein Wahlprogramm von 1983 zu einem heutigen Thema schweigt, eine politische Position hineinzuinterpretieren.
Manchmal bedeutet ein fehlender Eintrag in den Tabellen tatsächlich nur eines: Die Frage stellte sich damals so noch nicht.
Gleichzeitig ist erstaunlich viel wiederzuerkennen
Auf der anderen Seite überrascht, wie viele Grundfragen über Jahrzehnte erhalten geblieben sind.
- Wie viel soll der Staat seinen Bürgern abnehmen und wie viel Eigenverantwortung verlangen?
- Wie stark soll Einkommen umverteilt werden?
- Wie weit dürfen Sicherheitsbehörden in Bürgerrechte eingreifen?
- Soll Europa immer stärker zusammenwachsen oder sollen möglichst viele Entscheidungen in den Nationalstaaten verbleiben?
- Entsteht Frieden eher durch militärische Abschreckung oder durch Abrüstung und Verständigung?
- Wie viel wirtschaftlichen Wohlstand darf Umweltschutz kosten – oder ist eine solche Gegenüberstellung bereits falsch?
- Wie viel Zuwanderung braucht oder verträgt ein Land?
- Und welche Rolle sollen Familie, individuelle Lebensentwürfe und gesellschaftliche Traditionen spielen?
Die konkreten Antworten verändern sich. Die dahinterliegenden Fragen erstaunlich oft nicht. Gerade deshalb sind alte Wahlprogramme so interessant. Sie wirken an manchen Stellen fremd und an anderen verblüffend aktuell.
Politische Positionen können wandern
Für mich gehört das zu den interessantesten Ergebnissen dieser Gegenüberstellung. Politische Positionen gehören offenbar nicht dauerhaft einer Partei.
Eine Forderung kann zu einem bestimmten Zeitpunkt typisch grün sein und Jahrzehnte später weitgehend zum politischen Konsens gehören. Eine andere kann früher von einer großen Volkspartei vertreten worden sein und später nur noch bei einer anderen Partei auftauchen. Wieder andere Vorstellungen verschwinden nahezu vollständig.
Und manchmal bleibt eine Partei ihrer Grundposition treu, während sich die politische Umgebung um sie herum verändert. Genau deshalb sollte man vorsichtig sein mit Sätzen wie: „Diese Partei ist heute die Partei von damals“ oder „Partei A ist nach links beziehungsweise rechts gerückt“.
In welchem Politikfeld?
Das ist die entscheidende Rückfrage. Eine Partei kann sich gesellschaftspolitisch deutlich verändert haben und wirtschaftspolitisch erstaunlich konstant geblieben sein. Sie kann ihre Haltung zur NATO vollständig verändern und gleichzeitig seit 40 Jahren dieselbe Grundposition zur Kernenergie vertreten. Sie kann in der Europapolitik mehr staatliche Integration verlangen und in der Wirtschaftspolitik weniger staatliche Regulierung.
Eine einzige politische Achse kann solche Bewegungen nur schwer abbilden.
Besonders deutlich wird das bei den Grünen
Kaum eine Entwicklung zeigt das besser als der Vergleich der Grünen von 1983 mit denen von 2025. Beim Umweltschutz und bei der Ablehnung der Kernenergie ist eine bemerkenswerte Kontinuität erkennbar. Viele ökologische Forderungen, mit denen die Partei Anfang der achtziger Jahre noch außerhalb des damaligen politischen Mainstreams stand, sind inzwischen weit darüber hinaus verbreitet.
In der Außen- und Sicherheitspolitik ergibt sich dagegen ein vollkommen anderes Bild. Die frühen Grünen waren stark durch Friedensbewegung, Abrüstung, Skepsis gegenüber der NATO und Ablehnung militärischer Logik geprägt. 2025 stehen die Grünen zur NATO, zur militärischen Abschreckung, zu einer verteidigungsfähigen Bundeswehr und zu umfangreichen Waffenlieferungen an die Ukraine.
Man kann diese Veränderung begrüßen oder kritisieren. Für diesen Artikel ist beides nicht entscheidend. Entscheidend ist zunächst nur:
Sie hat stattgefunden. Warum sie stattgefunden hat, wäre bereits eine andere Untersuchung. Die Welt von 2025 ist schließlich ebenfalls eine andere als die von 1983.
Und auch die anderen Parteien sind nicht stehen geblieben
Ähnliches gilt, wenn auch in jeweils anderen Bereichen, für CDU/CSU, SPD und FDP. Manche Positionen erweisen sich über Jahrzehnte als erstaunlich stabil. Andere verändern sich schrittweise. Wieder andere erfahren nach historischen Ereignissen einen regelrechten Bruch.
Die Wiedervereinigung verändert die Programme von 1990. Tschernobyl verändert die deutsche Kernenergiedebatte. Das Ende des Kalten Krieges verändert die Sicherheitspolitik. Europäische Integration verändert die Frage nationaler Souveränität. Migration verändert die Innenpolitik. Der Klimawandel verändert Energie, Verkehr und Industriepolitik. Der russische Angriff auf die Ukraine verändert wiederum die Debatte über Bundeswehr, NATO und militärische Abschreckung.
Parteiprogramme entstehen eben nicht im luftleeren Raum. Gerade deshalb ist der Vergleich von 1983, 1990 und 2025 interessanter als eine einfache Gegenüberstellung von „früher“ und „heute“. Das Jahr 1990 liegt dazwischen wie eine historische Momentaufnahme einer Welt, die sich gerade grundlegend neu sortierte.
Was bedeutet dann überhaupt noch „links“ und „rechts“?
Damit komme ich wieder zu der Frage zurück, mit der diese Untersuchung begonnen hat. Natürlich haben die Begriffe links und rechts weiterhin eine Bedeutung. Sie beschreiben politische Traditionen, gesellschaftliche Vorstellungen und historische Konfliktlinien. Vollkommen nutzlos sind sie keineswegs.
Aber für einen Vergleich über 42 Jahre erscheinen sie mir zunehmend grob.
- Ist eine restriktive Migrationspolitik automatisch rechts?
- Ist staatliche Wirtschaftslenkung links?
- Ist direkte Demokratie links oder rechts?
- Ist die Forderung nach Abrüstung links, wenn sie 1983 von den Grünen vertreten wird, aber immer noch links, wenn ähnliche Forderungen Jahrzehnte später aus einer vollkommen anderen politischen Richtung kommen?
- Ist eine starke nationale Souveränität konservativ, während eine gemeinsame europäische Verteidigung progressiv ist?
- Und wie ordnet man eine Partei ein, die wirtschaftspolitisch liberal, gesellschaftspolitisch konservativ und außenpolitisch interventionistisch auftritt?
Je genauer man einzelne Themen betrachtet, desto schwieriger wird die einfache Zuordnung. Vielleicht liegt das Problem deshalb nicht darin, dass Begriffe wie links und rechts falsch wären. Vielleicht erwarten wir lediglich zu viel von ihnen.
Wahlprogramme sind keine Regierungswirklichkeit
Eine Einschränkung sollte am Ende allerdings noch einmal ausdrücklich genannt werden. Dieser Artikel vergleicht Wahlprogramme. Er untersucht nicht, was Parteien nach einer Wahl tatsächlich getan haben. Er bewertet nicht, welche Wahlversprechen eingehalten wurden. Er untersucht keine Koalitionsverträge und keine Abstimmungen im Bundestag. Und er versucht auch nicht festzustellen, ob die praktische Politik einer Partei ihren eigenen programmatischen Aussagen entsprochen hat.
Das wäre ein anderes – und vermutlich noch wesentlich größeres – Projekt. Ein Wahlprogramm dokumentiert zunächst, mit welchen Positionen eine Partei zu einem bestimmten Zeitpunkt vor die Wähler getreten ist. Nicht mehr. Aber eben auch nicht weniger.
Gerade für einen historischen Vergleich besitzt das einen erheblichen Wert. Denn ein Wahlprogramm ist eine politische Momentaufnahme, die sich nach Jahrzehnten nicht mehr nachträglich verändern lässt. Was dort steht, stand dort.
Vielleicht lohnt sich manchmal der Blick ins Original
Das ist letztlich auch die Erkenntnis, die ich aus dieser Recherche mitnehme. Politische Diskussionen werden heute häufig mit enormer Geschwindigkeit geführt. Ein Satz wird zitiert, ein Ausschnitt geteilt, eine Position zusammengefasst und eine Partei innerhalb weniger Sekunden eingeordnet. Algorithmen und soziale Netzwerke begünstigen kurze und eindeutige Urteile. Für historische Zusammenhänge bleibt dabei wenig Platz.
Alte Wahlprogramme sind das genaue Gegenteil. Sie sind lang. Manchmal trocken. Gelegentlich umständlich formuliert. Manche Passagen wirken aus heutiger Sicht beinahe aus einer anderen Welt. Aber gerade deshalb können sie ausgesprochen aufschlussreich sein. Denn plötzlich steht dort nicht mehr, was jemand behauptet, dass eine Partei früher einmal vertreten habe.
Dort steht, was sie tatsächlich vertreten hat. Und dann kann man ein Programm von 1983 danebenlegen. Eines von 1990. Eines von 2025. Man kann dieselbe Frage stellen und nachsehen, welche Antworten gegeben wurden. Das ersetzt keine politische Bewertung. Es schafft aber eine wesentlich bessere Grundlage dafür.
Genauer hinsehen, bevor man sich ein Urteil bildet
Vielleicht ist das deshalb der sinnvollste Ausklang dieses Vergleichs. Es geht nicht darum, nach 42 Jahren Wahlprogrammen einen Sieger zu bestimmen. Ebenso wenig lässt sich daraus ableiten, welche Partei heute die richtige ist.
Interessanter sind andere Fragen:
- Welche Partei hat sich am stärksten verändert – und in welchem Bereich?
- Welche ist überraschend konstant geblieben?
- Welche Position, die 1983 vollkommen selbstverständlich erschien, würde heute für heftige Diskussionen sorgen?
- Welche Forderung aus dem Jahr 2025 wäre einem Wähler von 1983 kaum verständlich gewesen?
- Welche früheren Minderheitspositionen sind heute politischer Mainstream?
- Und welche ehemaligen Mainstreampositionen findet man inzwischen nur noch am Rand des Parteienspektrums?
- Vor allem aber: Haben sich die deutschen Parteien tatsächlich gemeinsam nach links oder rechts bewegt?
Nach der Beschäftigung mit den einzelnen Themenfeldern erscheint mir bereits die Fragestellung zu einfach. Wirtschaft, Gesellschaft, Migration, Energie, Europa und Außenpolitik entwickeln sich nicht zwangsläufig in dieselbe Richtung. Teilweise verlaufen ihre politischen Verschiebungen sogar gegeneinander.
Vielleicht sollte man deshalb häufiger eine Ebene tiefer gehen. Nicht zuerst fragen, ob eine Position links oder rechts ist. Nicht zuerst fragen, von welcher Partei sie stammt. Und nicht zuerst überlegen, ob sie in das eigene politische Weltbild passt.
Sondern zunächst:
- Was wird eigentlich konkret vorgeschlagen?
- Was wurde früher vorgeschlagen?
- Was hat sich verändert?
- Und unter welchen Bedingungen?
Danach kann jeder zu seinem eigenen Urteil kommen. Genau dafür war diese Übersicht gedacht. Nicht um vorzugeben, was man nach 42 Jahren deutscher Wahlprogramme denken soll, sondern um eine bessere Grundlage dafür zu schaffen, sich selbst Gedanken darüber zu machen.
Quellen zu Wahlprogrammen politischer Parteien
Originale Wahlprogramme und historische Programmarchive
- CDU/CSU – Historische Wahlprogramme zu den Bundestagswahlen – Das historische Wahlprogramm-Archiv der CSU enthält die Bundestagswahlprogramme von 1983, 1990, 2009 und weiteren Wahljahren. Besonders hilfreich für die Recherche älterer Unionsprogramme und die historische Einordnung.
- CSU – Wahlprogramm zur Bundestagswahl 1983 – Originales Wahlprogramm der CSU zur Bundestagswahl vom 6. März 1983. Das Dokument enthält unter anderem Aussagen zu Wirtschaft, Sozialpolitik, Familie, Deutschlandpolitik, Europa sowie Außen- und Sicherheitspolitik.
- CDU/CSU – Regierungsprogramm 2009–2013 – „Wir haben die Kraft – Gemeinsam für unser Land“. Gemeinsames Regierungsprogramm von CDU und CSU zur Bundestagswahl 2009, verabschiedet am 28. Juni 2009.
- CDU/CSU – Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2025 – „Politikwechsel für Deutschland“. Offizielle Seite der CDU zum gemeinsamen Wahlprogramm von CDU und CSU für die Bundestagswahl 2025 einschließlich vollständiger Langfassung.
- SPD – Archiv der Grundsatz-, Regierungs- und Wahlprogramme seit 1949 – Umfangreiches Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung mit digitalisierten SPD-Programmen zu den Bundestagswahlen. Enthält unter anderem die Programme von 1983 und 1990 sowie zahlreiche weitere historische Dokumente.
- SPD – Regierungsprogramm 1983–1987 – Das auf dem Wahlparteitag am 21. Januar 1983 in Dortmund beschlossene Regierungsprogramm der SPD. Enthält unter anderem die Kapitel Arbeit, Sozialpolitik, Umwelt, Rechtsstaat und Friedenspolitik.
- SPD – Regierungsprogramm 1990–1994 – „Der neue Weg: ökologisch, sozial, wirtschaftlich stark“. Das vom SPD-Parteitag am 28. September 1990 beschlossene Programm zur ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl.
- SPD – Regierungsprogramm zur Bundestagswahl 2009 – Vollständiges Regierungsprogramm der SPD von 2009. Besonders interessant als Zwischenaufnahme nach Agenda 2010 und Hartz-Reformen sowie während der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise.
- SPD – Regierungsprogramm zur Bundestagswahl 2025 – „Mehr für Dich. Besser für Deutschland.“ Vollständiges offizielles SPD-Regierungsprogramm für die Bundestagswahl 2025.
- Die Grünen – Historisches Programmarchiv – Sammlung der Heinrich-Böll-Stiftung mit Grundsatz-, Bundestags- und Europawahlprogrammen der Grünen. Enthält unter anderem den Wahlaufruf 1983 und das Wahlprogramm 1990 und macht die programmatische Entwicklung der Partei über Jahrzehnte nachvollziehbar.
- Die Grünen – Bundestagswahlprogramm 2009 – „Der Grüne Neue Gesellschaftsvertrag: Klima – Arbeit – Gerechtigkeit – Freiheit“. Vollständiges Wahlprogramm von Bündnis 90/Die Grünen zur Bundestagswahl 2009.
- FDP – Wahlaussage zur Bundestagswahl 1983 – Die auf dem außerordentlichen FDP-Bundesparteitag am 29. und 30. Januar 1983 in Freiburg beschlossene „Wahlaussage ’83“. Originalquelle für die damaligen liberalen Positionen.
- FDP – Bundestagswahlprogramm 1990 – „Das liberale Deutschland“. Vollständiges Programm der FDP zur Bundestagswahl am 2. Dezember 1990 aus dem Archiv des Liberalismus der Friedrich-Naumann-Stiftung.
- FDP – Deutschlandprogramm 2009 – „Die Mitte stärken“. Das auf dem FDP-Bundesparteitag vom 15. bis 17. Mai 2009 beschlossene vollständige Wahlprogramm zur Bundestagswahl.
- FDP – Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2025 – „Alles lässt sich ändern“. Offizielles Programmdokument der FDP zur Bundestagswahl 2025 mit den Schwerpunkten Wirtschaft, Staat, Finanzen, Bürgerrechte, Migration und Sicherheit.
- AfD – Bundestagswahlprogramm 2025 – Vollständiges Programm der Alternative für Deutschland zur Wahl des 21. Deutschen Bundestages. Im Artikel dient es ausschließlich als heutiger Referenzpunkt, da die Partei 1983, 1990 und 2009 noch nicht existierte.
Vergleichsstudien und weiterführende Quellen
- Bundestagswahl 2009 – Wahlprogramme der Parteien im Vergleich – Umfangreiche Studie von Jochen Weichold und Horst Dietzel. Verglichen werden unter anderem Wirtschafts-, Steuer-, Sozial-, Energie-, Bildungs-, Bürgerrechts-, Migrations-, Europa- und Sicherheitspolitik. Besonders nützlich zur Gegenprüfung der 2009er Zwischenwerte.
- DIVA-Monitor – Wahlprogramme der Parteien zur Bundestagswahl 2025 – Vergleichende Analyse der finalen beziehungsweise vorliegenden Programme der Bundestagsparteien zur Wahl 2025. Eignet sich als zusätzliche Sekundärquelle zur Einordnung programmatischer Schwerpunkte.
- Manifesto Project – Wissenschaftliche Datenbank zu Wahlprogrammen – Langjähriges Forschungsprojekt am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Wahlprogramme zahlreicher Länder und Parteien werden systematisch erfasst und inhaltlich codiert. Besonders interessant für langfristige wissenschaftliche Vergleiche politischer Programmatik.
- Friedrich-Ebert-Stiftung – Historische Programmdokumentation – Neben den unmittelbar verwendeten SPD-Wahlprogrammen bietet die digitale Bibliothek zahlreiche Grundsatzprogramme und weitere historische Dokumente. Dadurch lassen sich Veränderungen zwischen einzelnen Wahljahren in einen größeren programmatischen Zusammenhang einordnen.
- Heinrich-Böll-Stiftung – Programmgeschichte der Grünen – Besonders wertvolle Sammlung für den Langzeitvergleich, weil neben Bundestagswahlprogrammen auch Grundsatzprogramme, Wahlplattformen und Dokumente aus der Entstehungs- und Vereinigungsphase von Grünen und Bündnis 90 verfügbar sind.
- CSU-Geschichte – Bundestagswahlen und Wahlprogramme – Historische Übersicht der CSU zu Bundestagswahlen und Programmdokumenten seit den frühen Jahren der Bundesrepublik. Hilfreich insbesondere bei der Frage, wann CDU und CSU gemeinsame beziehungsweise ergänzende Wahlprogramme verwendeten.
Veelgestelde vragen
- Warum wurden ausgerechnet die Jahre 1983, 1990 und 2025 miteinander verglichen?
Die drei Jahre bilden drei sehr unterschiedliche politische Epochen ab. 1983 befand sich die Bundesrepublik mitten im Kalten Krieg, die Auseinandersetzung um den NATO-Doppelbeschluss prägte die Politik, und die Grünen zogen erstmals in den Bundestag ein. 1990 markiert mit deutscher Wiedervereinigung, Zusammenbruch der kommunistischen Systeme Osteuropas und Ende der Blockkonfrontation einen historischen Wendepunkt. 2025 bildet schließlich den heutigen Vergleichspunkt. Zwischen 1983 und 2025 liegen 42 Jahre und damit mehr als eine politische Generation. Die Auswahl ermöglicht deshalb nicht nur einen Vergleich zwischen „früher“ und „heute“, sondern zeigt mit 1990 zusätzlich, wie sich Positionen bereits innerhalb der historischen Entwicklung verändert haben. - Soll der Vergleich beweisen, dass Deutschland politisch nach links oder nach rechts gerückt ist?
Nein. Gerade eine solche Ausgangsthese sollte bewusst vermieden werden. Wer mit der Annahme beginnt, Deutschland sei nach links oder rechts gerückt, kann in Tausenden Seiten historischer Wahlprogramme vermutlich genügend Einzelbeispiele finden, die diese These scheinbar bestätigen. Dieser Artikel versucht den umgekehrten Weg: Zunächst werden vergleichbare politische Fragen definiert, anschließend wird untersucht, was die Parteien in den jeweiligen Wahlprogrammen tatsächlich dazu geschrieben haben. Erst danach lässt sich betrachten, welche Veränderungen erkennbar werden. Dabei kann sich durchaus herausstellen, dass unterschiedliche Politikfelder vollkommen verschiedene Entwicklungen genommen haben. Eine Partei kann sich gesellschaftspolitisch in eine Richtung bewegen, wirtschaftspolitisch weitgehend konstant bleiben und außenpolitisch eine grundlegende Veränderung vollziehen. - Warum werden Wahlprogramme untersucht und nicht die tatsächliche Regierungspolitik der Parteien?
Weil es sich um zwei unterschiedliche Fragestellungen handelt. Ein Wahlprogramm dokumentiert, mit welchen politischen Vorstellungen und Versprechen eine Partei zu einem bestimmten Zeitpunkt vor die Wähler getreten ist. Die spätere Regierungspolitik wird dagegen von Wahlergebnissen, Koalitionen, parlamentarischen Mehrheiten, wirtschaftlichen Entwicklungen, internationalen Ereignissen und politischen Kompromissen beeinflusst. Würde man beides miteinander vermischen, ließe sich kaum noch feststellen, was eine Partei ursprünglich selbst gefordert hat. Ein Vergleich zwischen Wahlprogrammen und späterer Regierungspraxis wäre zweifellos interessant, müsste aber als eigenständige Untersuchung erfolgen. Dieser Artikel beschränkt sich bewusst auf die programmatische Ebene. - Kann man politische Positionen von 1983 überhaupt sinnvoll mit Positionen von 2025 vergleichen?
Nur mit Vorsicht – aber genau deshalb ist der Vergleich interessant. Manche politischen Grundfragen bestehen über Jahrzehnte fort: Wie stark soll der Staat in die Wirtschaft eingreifen? Wie umfangreich soll soziale Absicherung sein? Welche Rechte sollen Sicherheitsbehörden besitzen? Welche Rolle soll Deutschland militärisch spielen? Andere Fragen haben sich dagegen grundlegend verändert oder existierten 1983 in ihrer heutigen Form noch gar nicht. Deshalb werden nicht einfach heutige Begriffe rückwirkend auf historische Programme übertragen. Wo eine sachlich vergleichbare Grundposition erkennbar ist, kann sie gegenübergestellt werden. Wo das nicht möglich ist, bleibt das entsprechende Feld offen. Historischer Vergleich bedeutet nicht, Unterschiede zwischen den Epochen zu ignorieren, sondern gerade diese Unterschiede sichtbar zu machen. - Warum ist die AfD enthalten, obwohl es sie 1983 und 1990 noch gar nicht gab?
Die AfD dient ausschließlich als zusätzlicher Referenzpunkt für das Parteienspektrum des Jahres 2025. Eine historische AfD-Zeitreihe kann es selbstverständlich nicht geben. Sie wegzulassen wäre für die Fragestellung dennoch wenig sinnvoll, weil die Partei inzwischen einen erheblichen Teil der Wähler repräsentiert und zahlreiche aktuelle politische Debatten gerade um ihre Positionen kreisen. Der Vergleich ermöglicht außerdem eine interessante zusätzliche Frage: Finden sich politische Forderungen, die 1983 oder 1990 von anderen Parteien vertreten wurden, 2025 möglicherweise bei der AfD wieder? Eine solche Übereinstimmung bei einzelnen Sachfragen bedeutet ausdrücklich nicht, dass die heutige AfD mit einer historischen CDU, SPD, FDP oder den damaligen Grünen gleichgesetzt werden könnte. - Warum werden CDU und CSU gemeinsam betrachtet?
CDU und CSU treten bei Bundestagswahlen als politische Union auf, bilden im Bundestag eine gemeinsame Fraktion und veröffentlichen in der Regel ein gemeinsames Bundestagswahlprogramm beziehungsweise gemeinsame Wahlgrundlagen. Für einen Vergleich der Bundestagswahlprogramme ist deshalb die gemeinsame Betrachtung als CDU/CSU sinnvoll. Das bedeutet nicht, dass beide Parteien in jeder historischen oder aktuellen Sachfrage vollkommen identische Positionen vertreten haben. Wo für eine konkrete Fragestellung erhebliche Unterschiede zwischen CDU und CSU relevant wären, müsste dies gesondert ausgewiesen werden. Gegenstand dieses Artikels ist jedoch die programmatische Grundlage, mit der die Union jeweils zur Bundestagswahl angetreten ist. - Warum ist das Jahr 1990 bei den Grünen ein methodischer Sonderfall?
Weil die heutige Partei Bündnis 90/Die Grünen im Jahr 1990 noch nicht in ihrer späteren Form existierte. In Westdeutschland traten die Grünen an, während in der DDR beziehungsweise den neuen Bundesländern andere politische Zusammenschlüsse und Bürgerbewegungen eine Rolle spielten. Bündnis 90 entstand aus Teilen der ostdeutschen Bürgerrechtsbewegung; die Vereinigung mit den Grünen erfolgte erst später. Deshalb wäre es historisch falsch, ein heutiges Parteiverständnis rückwirkend auf 1990 zu übertragen. Die entsprechenden Dokumente müssen getrennt betrachtet und ihre organisatorische Herkunft transparent angegeben werden. Die gemeinsame Darstellung in einigen Tabellen dient lediglich der Übersicht und darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier unterschiedliche politische Traditionen zusammenkamen. - Was bedeuten die Punkte, Halbkreise, Kreise und Kreuze in den Tabellen genau?
Die Zeichen sollen keine politische Schulnote vergeben und sagen ausdrücklich nichts darüber aus, ob eine Forderung gut oder schlecht ist. Ein ausgefüllter Kreis bedeutet, dass ein bestimmtes Konzept im jeweiligen Programm ausdrücklich und mit erkennbarem Gewicht vertreten wird. Ein Halbkreis kennzeichnet eine vorhandene, aber eingeschränkte, differenzierte oder weniger zentrale Position. Ein leerer Kreis steht für eine schwache, indirekte oder nachrangige Ausprägung. Ein Kreuz wird nur verwendet, wenn eine Position ausdrücklich abgelehnt oder eine eindeutig entgegengesetzte Forderung vertreten wird. Der Gedankenstrich besitzt eine besonders wichtige Funktion: Er bedeutet lediglich, dass im untersuchten Programm keine hinreichend eindeutige Aussage festgestellt werden konnte. Die Symbole sollen umfangreiche Programme vergleichbar machen, ohne aus ihnen ein politisches Punktesystem zu konstruieren. - Bedeutet ein Gedankenstrich in einer Tabelle, dass die betreffende Partei gegen diese Position war?
Nein. Genau diese Unterscheidung ist für den gesamten Vergleich entscheidend. Ein Wahlprogramm kann zu einem Thema schweigen, weil die Partei dazu keine besondere Forderung hatte. Es kann aber auch schweigen, weil das betreffende Problem damals noch nicht existierte oder politisch kaum diskutiert wurde. Ein Programm von 1983 kann beispielsweise keine ausformulierte Position zu heutigen digitalen Überwachungsmethoden, sozialen Netzwerken oder bestimmten klimapolitischen Instrumenten enthalten. Daraus darf nicht geschlossen werden, die Partei hätte diese Dinge abgelehnt. Deshalb bedeutet „—“ ausschließlich: Im untersuchten Dokument wurde keine hinreichend vergleichbare und eindeutige Position festgestellt. Eine ausdrückliche Ablehnung wird dagegen separat mit „✕“ gekennzeichnet. - Wie objektiv kann eine solche Einordnung von Wahlprogrammen überhaupt sein?
Vollständig interpretationsfrei kann eine solche Untersuchung nicht sein. Bereits die Auswahl der Themen und die Entscheidung, welche Aussagen miteinander vergleichbar sind, erfordern redaktionelle Entscheidungen. Deshalb ist Transparenz wichtiger als der Anspruch auf eine mathematisch perfekte Objektivität. Die Grundlage sollen möglichst die Originalprogramme bilden. Besonders wichtige Einstufungen werden durch Originalformulierungen und Quellen nachvollziehbar gemacht. Zudem wird zwischen einer ausdrücklich formulierten Forderung, einer schwächeren programmatischen Tendenz und einer bloßen Nichterwähnung unterschieden. Die Tabellen sind deshalb als verdichtete Orientierung zu verstehen. Wer eine Einstufung überprüfen möchte, soll anhand der angegebenen Quellen zum Originaldokument zurückkehren können. - Warum werden kurze Originalzitate verwendet, wenn die Positionen ohnehin zusammengefasst werden?
Weil eine Zusammenfassung zwangsläufig bereits eine sprachliche Verdichtung durch den Autor darstellt. Ein kurzes Originalzitat ermöglicht es, zumindest bei besonders wichtigen oder überraschenden Positionen unmittelbar zu sehen, welche Formulierung die Partei selbst gewählt hat. Das ist gerade bei historischen Programmen wertvoll, weil politische Begriffe ihre Bedeutung verändern können. Gleichzeitig wäre es kaum praktikabel, sämtliche relevanten Passagen vollständig abzudrucken. Deshalb verbindet der Artikel sachliche Zusammenfassungen mit ausgewählten kurzen Zitaten und möglichst präzisen Quellenangaben. Das Ziel besteht darin, genügend Originalmaterial sichtbar zu machen, damit die Einordnung nachvollziehbar bleibt, ohne den Artikel in eine bloße Sammlung seitenlanger Programmauszüge zu verwandeln. - Sind Begriffe wie „konservativ“, „liberal“, „links“ und „rechts“ über 42 Jahre überhaupt gleich geblieben?
Nur eingeschränkt. Genau darin liegt eine der interessantesten Fragen des gesamten Vergleichs. Politische Begriffe besitzen zwar historische Traditionen, ihre konkrete Bedeutung hängt jedoch vom jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Umfeld ab. Eine Position, die 1983 innerhalb einer großen Volkspartei selbstverständlich war, kann 2025 ungewöhnlich erscheinen. Umgekehrt können Forderungen, die Anfang der achtziger Jahre als radikal oder randständig galten, Jahrzehnte später von mehreren Parteien vertreten werden. Auch die Verbindung verschiedener Positionen verändert sich. Wirtschaftlicher Liberalismus, gesellschaftlicher Liberalismus, nationale Souveränität, Umweltschutz oder militärische Zurückhaltung lassen sich nicht zwangsläufig zu einem einzigen stabilen Links-Rechts-Paket zusammensetzen. Deshalb betrachtet der Artikel einzelne Politikfelder getrennt. - Haben sich die Grünen zwischen 1983 und 2025 besonders stark verändert?
In einigen Politikfeldern ist eine sehr deutliche Veränderung erkennbar, in anderen dagegen eine bemerkenswerte Kontinuität. Besonders konstant sind grundlegende ökologische Anliegen und die Ablehnung der Kernenergie. Zahlreiche Umweltforderungen, mit denen die frühen Grünen noch außerhalb des damaligen politischen Mainstreams standen, finden sich inzwischen in unterschiedlicher Form auch bei anderen Parteien. Sehr viel stärker verändert hat sich dagegen die Außen- und Sicherheitspolitik. Die frühen Grünen waren eng mit Friedensbewegung, Abrüstung, Kritik an militärischer Abschreckung und Skepsis gegenüber der NATO verbunden. 2025 stehen die Grünen zur NATO, zu einer verteidigungsfähigen Bundeswehr und zur militärischen Unterstützung der Ukraine. Daraus folgt keine Wertung dieser Entwicklung. Es zeigt lediglich, warum eine Partei nicht insgesamt als „gleich geblieben“ oder „in eine Richtung gerückt“ beschrieben werden sollte. - Kann man sagen, dass die AfD von 2025 programmatisch der CDU oder CSU von 1983 entspricht?
Eine solche pauschale Gleichsetzung wäre methodisch nicht haltbar. Bei einzelnen Themen können historische Positionen der Union größere Ähnlichkeit mit heutigen AfD-Positionen besitzen als mit Positionen der CDU/CSU von 2025. In anderen Bereichen ergeben sich jedoch erhebliche Unterschiede. Dass zwei Parteien beispielsweise bei nationaler Souveränität, Migration, Kernenergie oder bestimmten gesellschaftspolitischen Fragen Überschneidungen besitzen, bedeutet nicht, dass ihre Wirtschafts-, Sozial-, Europa-, Sicherheits- und Außenpolitik insgesamt vergleichbar wäre. Hinzu kommen vollkommen unterschiedliche historische Bedingungen. Sinnvoll ist deshalb nur die konkrete Aussage: Bei dieser bestimmten Sachfrage weist eine historische Position die größte Ähnlichkeit mit dieser heutigen Position auf. Alles darüber hinaus müsste gesondert untersucht und belegt werden. - Warum wird bei NATO, Russland und Abrüstung besonders viel historischer Kontext benötigt?
Weil sich die sicherheitspolitische Welt zwischen den untersuchten Jahren grundlegend verändert hat. 1983 existierten zwei militärische Machtblöcke. Die Bundesrepublik gehörte zur NATO, die DDR zum Warschauer Pakt, und auf deutschem Boden standen sich große Streitkräfte gegenüber. 1990 zerfiel diese Ordnung, die deutsche Einheit wurde vollzogen und eine umfassende europäische Abrüstung erschien möglich. 2025 ist Deutschland vereinigt, zahlreiche ehemalige Mitglieder des Warschauer Paktes gehören zur NATO, die Sowjetunion existiert nicht mehr und Russland führt Krieg gegen die Ukraine. Eine Forderung nach Abrüstung, Abschreckung oder Verständigung besitzt deshalb 1983, 1990 und 2025 nicht automatisch dieselbe strategische Bedeutung. Der historische Kontext erklärt diese Unterschiede, ohne die damaligen Programmaussagen nachträglich umzudeuten. - Warum wird die Sowjetunion in den historischen Kapiteln nicht einfach mit dem heutigen Russland gleichgesetzt?
Weil es sich politisch, territorial und institutionell nicht um denselben Staat handelt. Die Sowjetunion war ein kommunistischer Vielvölkerstaat und eine der beiden globalen Supermächte des Kalten Krieges. Die Russische Föderation ist zwar ihr wichtigster völkerrechtlicher Nachfolgestaat, aber weder ihr politisches System noch ihre Grenzen noch ihre Stellung im internationalen System sind identisch. Hinzu kommt, dass die Bundesrepublik 1983 selbst Teil einer geteilten deutschen Ordnung war. Deshalb kann man beispielsweise eine damalige Forderung nach Verständigung mit der Sowjetunion nicht ohne Weiteres mit einer heutigen Forderung nach besseren Beziehungen zu Russland gleichsetzen. Vergleichbar sind eher übergeordnete politische Konzepte wie Entspannung, militärische Abschreckung, wirtschaftliche Kooperation oder Konfrontationsvermeidung. - Warum sollte man aus einzelnen überraschenden Übereinstimmungen keine zu großen Schlüsse ziehen?
Weil politische Programme aus vielen unterschiedlichen Dimensionen bestehen. Zwei Parteien können bei Kernenergie nahezu dieselbe Position vertreten und beim Sozialstaat völlig entgegengesetzt stehen. Sie können bei direkter Demokratie übereinstimmen, aber vollkommen unterschiedliche Vorstellungen von Europa, Migration oder Wirtschaft haben. Besonders verführerisch sind historische Einzelvergleiche, weil eine überraschende Übereinstimmung schnell zu einer eingängigen Schlagzeile führt: „Partei X von damals wäre heute Partei Y.“ Genau solche Aussagen verkürzen jedoch das Ergebnis. Der interessantere Befund besteht häufig darin, dass historische Positionen in verschiedene Richtungen auseinandergewandert sind. Die wirtschaftspolitischen Vorstellungen einer historischen Partei können heute bei einer anderen Partei liegen als ihre gesellschafts- oder außenpolitischen Positionen. - Welche Schlussfolgerung soll ich als Leser aus diesem Vergleich ziehen?
Keine vorgegebene. Der Artikel soll Material für ein eigenes Urteil liefern und nicht das gewünschte Urteil gleich mitliefern. Vielleicht entsteht nach der Lektüre der Eindruck, dass sich eine bestimmte Partei besonders stark verändert hat. Vielleicht überrascht eher, wie konstant eine andere geblieben ist. Vielleicht zeigt sich, dass frühere politische Randpositionen inzwischen selbstverständlich geworden sind oder dass ehemalige Mehrheitspositionen heute nur noch von einer einzelnen Partei vertreten werden. Ebenso möglich ist, dass die klassische Links-Rechts-Achse bei manchen Themen weiterhin gut funktioniert und bei anderen kaum noch weiterhilft. Entscheidend ist, solche Schlussfolgerungen aus den konkreten Positionen abzuleiten und nicht umgekehrt die Dokumente an eine bereits feststehende politische Erzählung anzupassen. - Was ist aus Sicht dieses Artikels die wichtigste Regel für politische Diskussionen?
Möglichst genau hinzusehen, bevor man eine Position oder eine Partei einordnet. Politische Diskussionen werden schnell abstrakt: Eine Forderung gilt als links, rechts, konservativ, liberal, progressiv oder populistisch, und damit scheint die Einordnung bereits erledigt. Der Vergleich historischer Wahlprogramme zeigt jedoch, wie beweglich solche Zuordnungen sein können. Sinnvoller ist es deshalb, zunächst zu fragen, was konkret vorgeschlagen wird, wie eine Partei ihre Forderung begründet, welche Folgen daraus entstehen sollen und wie dieselbe Frage früher beantwortet wurde. Erst danach lohnt sich die politische Bewertung. Das bedeutet nicht, auf ein eigenes Urteil zu verzichten. Im Gegenteil: Ein Urteil wird belastbarer, wenn es auf den tatsächlichen Positionen beruht und nicht lediglich auf Etiketten, Erinnerungen oder Aussagen politischer Gegner.











